Nagelscheren helfen gegen Lagerkoller

BB

Von Bijou Beberniß
3.06.2020

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atum Lockdown Deutschland: 27. März 2020, Count: Lockdown 10 Wochen alt. Ich habe einen Lagerkoller. Kennen Sie das? Bei bestem Wetter sitzen wir in unserem saftig grünen Garten, der mittlerweile zu unserem neuen Projekt geworden ist.

Unser erstes „Coronaprojekt“, im April 2020, als wir in dem Land, dessen Menschen weltweit als zuverlässig, strebsam und pünktlich fast gleichermaßen bewundert und belächelt werden, zum Nichtstun verdonnert worden sind. Wenn man die Angst beiseitelässt, fühlte es sich erst gut an. Es war ja sozusagen staatlich verordnet. Ich musste mich sonntags nicht mehr ins Sportstudio quälen oder die liebe buckelige Verwandtschaft besuchen. Also war unser erstes Projekt, dass staatliche verordnete Nichtstun zu optimieren, um so unseren Beitrag zu „Wir sind für euch da, damit ihr zuhause bleiben könnt.“ zu leisten. Wir hatten zwar keine Chance uns mit Klopapier einzudecken, aber dafür horteten wir Chips, Eiskrem, Schokolade und Batterien für unsere Fernbedienung, um vierzehn Tage über die Runden zu kommen.

Eine gute Grundausstattung, um uns endlich mal unserem inneren Schweinehund daheim, heimlichen Auslauf zu gewähren: Endlich mal wieder die Nacht zum Tag netflixen, dabei abwechselnd Chips und Schokolade im Bett essen oder sich wie ein frischverliebtes Paar durch die Decken wälzen. Herrlich, wenn die Last des „endlich nicht mehr zu müssen, müssen.“ wegfällt. Solidarisch im Sinne von „Keiner wird zurückgelassen, Solidarität für alle“ haben wir unserer tiefen, heimlichen Faulheit und Erschöpfung unserer beschleunigten Gesellschaft statt des Gnadenbrotes ihrer Selbstentfaltung überlassen. Wir sind halt keine Helikoptereltern. Wie beim hippen homeschooling bietet man etwas an, ohne dass der Anspruch bestehen darf (behördlich verordnet, versteht sich), dass die Lernenden etwas damit anfangen können oder überhaupt die Möglichkeit haben, im digitalen und bildungspolitischen Entwicklungsland Deutschland, an die Aufgaben zu kommen.

Sie verstehen was ich meine, oder? Was soll ich sagen – mit unserem ersten „Corona Projekt“ kamen nicht nur neue persönliche Erkenntnisse über den nicht mehr ganz frischen Eigenzustand mit diversen überschrittenen Haltbarkeitsdaten, sondern neue Nebenwirkungen. Unteranderem plagen wir uns mit einer ernsthaften CP herum. Sie wissen schon - die neue Corona Plauze. Die Achtsamkeit kann einem manchmal das Leben zur Hölle machen. Bei vielen Nachbaren beobachten wir das gleiche Problem. Vielleicht haben wir alle zu viele Folgen von den Simpsons gesehen. Diese Möglichkeit befeuert natürlich die Phantasie unseres selbsternannten nachbarschaftlichen Blockwarts und Verschwörungstheoretikers, Werner. Als ordnungsliebender Deutscher hielt und hält er sich natürlich vorbildlich an alle Regeln. Der Grundstein sämtlicher „Nachbarschaftsprojekte“. Werner bringt sich gerne ein. Sein erstes Projekt bestand darin, dass er regelmäßig spielende Kinder beim Ordnungsamt verpetzte. Ganz im Sinne von „make my neighbourhood great again.“ Das rief sofort die Helikopter Muttis, Charlotte und Petra, auf die Straße. Sie wirbelten bei ihrem Aufmarsch sämtlichen Feinstaub der Diesel SUV Firmenwagen ihrer Ehemänner auf, die sich hinter dem Bildschirm im Homeoffice verkrochen, um anschließend ihr Kind mit einer Bio Karotte aus dem eigenen Hochbeet im Vorgarten, möglichst öffentlichkeitswirksam zu trösten. Also brauchen wir „desprate housewives“ oder „Frau Müller muss weg“ nicht mehr zu netflixen. Dann doch lieber „Fack ju Göhte“. Elyas M‘Barek beflügelt echt meine Phantasien – besonders als Lehrerin. Zum Glück war mein Schweinehund noch nie eine Rampensau. Ich gebe zu, manchmal eine nachbarschaftliche Dissidentin zu sein, indem ich heimlich einen Schokoriegel gegen eine SUV Karotte durch die Hecke tausche. Das leuchten der Kinderaugen ist jedes Risiko wert. Also ganz im Sinne von Glocal statt Global. Radikale gibt es überall. Statt durch die Welt zu reisen, schaue ich nur noch aus dem Fenster. So wie bei meiner alten Tante Erika liegt mittlerweile ein Kissen auf dem Fensterbrett. Zur Behandlung Ihrer CP, Corona Plauze, empfehle ich Ihnen, Tante Erikas bewährte und solide FDH-Diät. Falls Sie scheitern, haben Sie immer noch die Möglichkeit einen Sofortdiät-Gutschein bei der Bundesregierung zu beantragen. Das hilft auch gegen Lagerkoller. Als neue selbständige Landschaftsgärtnerin, schneide ich jetzt jeden Halm einzeln mit der Nagelschere ab.

" Die Achtsamkeit kann einem manchmal das Leben zur Hölle machen. "

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