Das Dilemma zwischen einfachen Bildern und komplexen Problemen

TH

von Tobias Holle
vom 10.10.2020

Über 300 Millionen Menschen in 27 Staaten bilden die größte multilaterale Wirtschafts- und Friedenszone auf der gesamten Erde. Ganz unterschiedliche Menschen mit verschiedensten Geschichten und Kulturen finden sich hier zusammen und versuchen, ein Gemeinschaftsprojekt weiterzuentwickeln, das sich aus Jahrhunderten der Kriege als Chance herausgebildet hat, diese Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das ist nicht immer ohne Weiteres möglich, geschweige denn einfach.

Die Europäische Union (EU) ist in den etwa 60 Jahren, seit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, in vielerlei Hinsicht ein Erfolg, der noch vor hundert Jahren nicht für denkbar gehalten werden konnte. In dieser Zeit haben sich viele Strukturen entwickelt, die für die Weiterentwicklung nötig waren. Heute haben wir ein Parlament, einen Europäischen Rat, einen Rat der europäischen Union, eine Kommission, einen Euro inklusiver einer Europäischen Zentralbank, … und spätestens ab dem Punkt wird klar: Das System ist ganz schön komplex. Wenn wir auch noch in die Klima- und Umweltpolitik der EU gucken, dann reden wir vom ETS-Emissionshandel, dem CAP, dem NON-ETS Bereich, grünen Krediten, der Carbon Bubble und so weiter. Ich beschäftige mich jetzt seit etwa einem Jahr sehr intensiv in meinem Aktivismus mit der EU, da das Thema bei Fridays for Future intern und nach außen eine viel zu kleine Rolle spielt.

Die Idee war: Mit dem European Green Deal, der im Dezember 2019 von der EU Kommission vorgestellt wurde, eine neue Aufmerksamkeitswelle für die Entscheidungen in der EU zu schaffen, die in 2020 anstehen. Gemeinsam europäische Themen in den Vordergrund rücken: Von „einfacher“ zu kommunizierenden Themen, wie Nachtzügen durch ganz Europa oder dem Reduktionsziel bis 2030, bis hin zur Landwirtschaftspolitik und Handelsverträgen sollten viele Themen in den Fokus gerückt werden.

Trotzdem muss die Frage diskutiert werden, ob nicht die Landwirtschaftspolitik der nächsten 10 Jahre in der gesamten EU mehr Gewicht haben sollte als der Dannenröder Forst.

Tobias Holle

Ein knappes Jahr nach einigen Erfolgen und auch nicht wenigen Misserfolgen ist klar: Die EU ist ziemlich unsexy! Undurchsichtige Strukturen, komplexe Zusammenhänge und unklare Lösungen schaffen es nicht in den Mainstream des Aktivismus. Der Hambi oder Datteln IV sind viel plakativer, viel einfacher zu erklären und die Forderungen sind eindeutiger. Gleichzeitig wird in der EU gerade über Kernpunkte unserer Zukunft entschieden, gegen die die klimatischen Auswirkungen des Erhalts eines Forstes kaum ins Gewicht fallen. Keine Frage, jeder Baum ist wichtig und zählt. Trotzdem muss die Frage diskutiert werden, ob nicht die Landwirtschaftspolitik der nächsten 10 Jahre in der gesamten EU mehr Gewicht haben sollte als der Dannenröder Forst.

Wir müssen uns dann schwierigen Fragen stellen – wieviel Einfluss hat Deutschland auf einige Entscheidungen? Adressieren wir die richtigen Entscheidungsträger*innen? Müssen wir uns inhaltlich mehr mit Themen auskennen, um größeren Erfolg in unserem Protest zu haben? Das sind teilweise auch unangenehme Fragen, die uns selbst und unsere Aktionen in Frage stellen werden. Fragen, die wir uns aktuell wenig stellen. Aber stellen wir sie uns zu wenig? Würden sie unserer Bewegung Energie geben oder nehmen? Würden wir an Durchschlagskraft verlieren oder unsere Position stärken?

Das ist der nächste Schritt, das muss die neue europäische Idee sein: Eine Europäische Klimagerechtigkeits-Union!

Tobias Holle

Ich habe keine Lösung für diese Abwägung, vermutlich gibt es auch keinen richtigen Weg. Was wir aber auf jeden Fall brauchen sind mehr Menschen, die sich mit den so wichtigen EU-Themen auseinandersetzen und dafür brennen. Nicht nur in der Klimabewegung, aber auch dort. Das ist der nächste Schritt, das muss die neue europäische Idee sein: Eine Europäische Klimagerechtigkeits-Union!

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