Das kolumbianische Gefühl für die Natur

CT

von Charlotte Thaler
vom 23.03.2020

Eine deutsche Studentin lebt und arbeitet ein Semester in einem kolumbianischen Naturpark. Ihr Resümee: "Das Gefühl mit und in der Natur zu leben fehlt so vielen Menschen und ich hoffe dass nach und nach immer mehr Menschen verstehen, was die Naturwelt für uns und unseren Planeten bedeutet."

Ich bin Charlotte und studiere Landschaftsarchitektur in Berlin. In meinem letzten Semester stand für mich ein Praxissemester an und ich habe mich dazu entschieden dieses Praktikum in einem Naturpark in Kolumbien zu absolvieren.

Warum?Landschaftsarchitektur, also eine zukunftsorientierte Stadtplanung, sollte eine Antwort auf die Probleme unserer Zeit finden. Neben den Aufgaben der Landschaftsarchitektur, der Erhaltung der natürlichen Ressourcen, sowie der Schaffung von Freiräumen, möchte ich erfahren, wie wir unsere Stadträume verbessern können, unsere Natur erhalten und zurück in die Stadt holen können.

Doch um dieses Ziel einmal umsetzen zu können, möchte ich zunächst verstehen, wie wir Menschen "unsere" Natur wahrnehmen und warum und wie wir mit der Natur so umgehen.

Auf unserer Erde gibt es eine einzigartige Naturwelt mit unberührten Wäldern, Gewässern und eine unglaubliche Flora und Fauna, die nach und nach aufgrund unserer Gesellschaft zerstört wird.

Vor dem Beginn meines Praktikums hatte ich zunächst einige Zeit um mir erste Eindrücke zu verschaffen. In dieser Zeit war ich in Millionenstädten, auf dem Land und auf Dörfern unterwegs und habe so einschneidende Erfahrungen gemacht. Ich habe gesehen, wie Wälder abgebrannt wurden um Agrarflächen zu gewinnen. Ich war an Stränden, an denen kaum ein Quadratmeter ohne Plastik vorzufinden war und in den Großstädten findet man meistens weit und breit kein grünes Blatt.

Gibt es an diesen Orten überhaupt den Versuch, die natürlichen Ressourcen zu erhalten, „grüne Orte“ in Städten zu schaffen oder Umweltbildung zu verbreiten? Wie ist das Gefühl der Menschen für unseren Planeten, unserer Natur?

Mit diesen Fragen im Kopf saß ich Anfang September in einem alten, mit Menschen gefüllten Bus aus Bogota in Richtung des Parks. Eine Frau saß mit ihrer Tochter auf der Sitzbank vor mir. Ich denke, sie waren in der Stadt um einen Großeinkauf zu machen, denn sie hatten um die sieben bis oben hin gefüllten Plastiktüten auf dem Schoß und zwischen den Beinen. Sie haben temperamentvoll miteinander kommuniziert und nebenbei Softgetränke aus Plastikflaschen getrunken.

Als mein Blick aus dem Fenster heraus die beeindruckende Natur mit den Bächen, Wäldern und Wiesen, beobachte sah ich plötzlich zwei Plastikflaschen aus dem Bus fliegen. Außer mir hat sich keiner über diese Art von Entsorgung gewundert, was mich ziemlich erschrocken hat.

Über das Leben im Park

Als ich schließlich nach dieser Busfahrt in dem Park ankam war ich umso neugieriger auf die Einstellung des Parks, der darin lebenden und arbeitenden Menschen, die Projekte und natürlich auf die Flora und Fauna.

Der „Parque Natural Chicaque“ erstreckt sich zwischen 20 80 und 2720 Höhenmeter und befindet sich circa eine Stunde südwestlich von Bogota.

Es handelt sich um ein Naturschutzgebiet mit teils unberührtem Nebelwald, in dem Besucher auf Steinwegen wandern können, die das indigene Volk Muisca einst als Handelsweg nutzte.

Das Wort „Chicaque“ ist ein Wort der Muisca und steht für einen großen/mächtigen Berg, welches den Park ziemlich gut beschreibt. Der Park hat eine Fläche von 330 Hektar und beinhaltet 18 Kilometer Wanderwege. In dieser bergigen Landschaft findet man mehr als 3.000 Baum- und Straucharten. In dieser vielfältigen Natur leben außerdem fast 250 Arten von endemischen Vögeln und Zugvögeln, fünf Arten von Schlangen, roten Eichhörnchen, Nagetieren und anderen Säugetieren.

Neben dem Nebenwald, kann man ebenfalls durch den Andenwald, sowie durch den Eichenwald spazieren und sich dabei von zahlreichen Pflanzen und Tieren beeindrucken lassen.

In den letzten Jahren ist der Park Anziehungspunkt für eine wissenschaftliche Gemeinschaft geworden. Durch Forschungsprojekte wurden neue Arten gefunden, die weltweit noch nicht erfasst waren. Darunter waren neue Bienenarten, Stangeninsekten, ein Frosch und zwei neue Pflanzenarten (Rubiaceae).

Ich hatte die Möglichkeit 5 Monate lang mitten in diesem Park zu leben. In dieser Zeit haben ich mit Kollegen und weiteren Praktikanten begonnen eine Lagune zu renaturieren. Wir haben Umweltbildung mit Schulklassen gemacht, verschiedene Wiederaufforstungsprojekte vorgenommen, sowie unterschiedlichste Forscher und Wissenschaftler begleitet.

Ich habe viele Dinge über die Aufforstung, Pflanzen- und Baumarten sowie Tiere gelernt und bekam dabei ein Einblick in die dann doch sehr andere Arbeits- und Lebensweise.

Mit Uhrzeiten nahm es keiner so ganz genau und da ich oftmals "zu pünktlich" war, gehörte eine gewisse Wartezeit zum Tagesablauf.

Eine Machete war immer dabei und sobald es regnete gab es Kaffee mit Schuss und Salsamusik. In dem "Natural Parque Chicaque" habe ich eine beeindruckende Naturverbundenheit erlebt.

Bei den Kollegen und Einheimischen in Chicaque hat man gespürt, dass sie mit der Natur im Einklang leben, sie lieben und schätzen. Zwitscherten die Vögel, haben wir ein "Konzert" genossen, bevor Bäume gefällt wurden, wurden ein paar Wörter an sie gerichtet und saß man zusammen Nachts vor dem Berg "Chicaque" wurde dem Berg auf der indigenen Sprache "Danke" gesagt.

Für diese Erfahrung möchte ich hiermit "Danke" sagen.

Das Gefühl mit und in der Natur zu leben fehlt so vielen Menschen und ich hoffe dass nach und nach immer mehr Menschen verstehen, was die Naturwelt für uns und unseren Planeten bedeutet.

Bevor Bäume gefällt wurden, wurden ein paar Wörter an sie gerichtet.

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