Das Wunder von Spandowerhagen

H

von Hannes
vom 29.03.2020

Warum die positiven Nachrichten auf eine Zeit, Ereignis oder Themen beschränken? Spandowerhagen/Greifswald: Ein Anruf vor 45 Minuten. Es meldet sich ein offensichtlich älterer Herr, der mich mit unruhigen Worten bittet, ihn in Spandowerhagen zu besuchen. „Gleich?“, frage ich. „Falls Sie Zeit haben … gleich!“

Nun sitze ich in diesem Dörfchen zwischen Lubmin und Freest auf einer Couch, die mich ebenso wie das restliche Mobiliar an die Wohnzimmerausstattung meiner Großeltern erinnert. VEB Mustersitzgarnitur, angeschafft irgendwann zwischen dem 5. und 6. Parteitag. Vor dem aus der Anbauwand flimmernden Fernseher lümmelt in einem grauen Ohrensessel ein Junge, vielleicht zehn Jahre alt, dessen Finger flink und geschickt über den Bildschirm eines Smartphones laufen. In seinen Ohren befinden sich kleine Stöpsel, die dem Außen mit keinem Ton verraten, welcher Soundtrack da gerade übermittelt wird.

Alfred Carstens betritt die Stube und stellt zwei Pötte Kaffee auf den Tisch. „Wie gewünscht: Türkisch! …“, sagt er gut gelaunt, „… habe ich lange nicht so getrunken. Zucker?“ Ich verneine. Er wiederum lässt davon zwei gefüllte Teelöffel in seinen Kaffee gleiten und beginnt dann, nachdem er sich in den zweiten Ohrensessel fallen lässt, bedächtig umzurühren. Streicht den Löffel am Rand des Pottes ab und legt ihn auf die Untertasse. Er schaut, ich schaue … auf den schmutzigen Ball, der neben mir und zwischen uns auf der Couch liegt. Er beugt sich nach vorn, greift ihn behutsam mit beiden Händen, legt ihn in den Schoß, streichelt ihn mit einer rauen, faltigen Hand, während die andere ihn im Schoß fixiert und sagt leise: „Darum geht es.“

Ich sehe ihn ungläubig an und er beginnt sofort, seine Geschichte zu erzählen. Aus der Mitte der 50er Jahre, der Zeit vor dem benachbarten Kernkraftwerk, dessen Bau erst ein Dutzend Jahre später in Angriff genommen wurde. Jeden Tag hätten sie damals Fußball gebolzt. Bei Wind und Wetter. Immer waren sie draußen. Fernseher besaß ja kaum einer und diese Telefone, sagt er mit einem Seitenblick auf den Jungen, der uns, tief in Spiel und Ohrensessel versunken, nicht zu bemerken scheint, gab es damals auch noch nicht. „Mein Urenkel. Der größte von Vieren. Robert geht in die 5. Klasse.“, stellt er ihn vor.

„Dann kam der 9. Mai 1956. Ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen. Wir trafen uns auf einer Fläche beim heutigen Kanal. Jungs und Mädchen aus dem Dorf und Kinder aus Nonnendorf, Freest, Lubmin. Sogar aus Wusterhusen waren immer zwei dabei.“ Er nimmt einen Schluck Kaffee. „Das gibt es doch heute nicht mehr. Keine frische Luft. Keiner kommt mehr raus. Und alle haben eine Allergie.“, schweift er ab. Lacht: „Ich kenne sogar einige, die haben eine Allahgie.“ Jetzt lache ich auch. Dann ist er wieder im Mai 1956: „Die Kleinsten waren sechs, andere 15, 16 Jahre alt. Die Großen wählten die Mannschaften ein und brachten die Gummistiefel mit. Mit denen haben wir die Tore markiert. Ich musste immer dabei sein. Denn ich …“, er hebt mit einer großen Geste die schmutzige Kugel aus dem Schoß, „… hatte den Ball.“ Und nun fügt er mit sichtbarem Stolz hinzu: „Einen Lederball.“

Wieder ein Schluck Kaffee. Ich nehme auch einen. Dann erzählt Alfred Carstens weiter: „An diesem 9. Mai war es windig und der lange Bodo stand im Tor. Der älteste, größte und kräftigste Junge unter uns. Weil der einen dicken Zeh hatte vom Tag zuvor. Und dann holt dieser blöde Bengel beim Abschlag aus als gäbe es kein Morgen, kloppt den Ball weit ins Rohr. Ganz weit.“ Ich schaue fragend hinüber und bemerke eine Träne im Augenwinkel von Alfred Carstens. „Der Ball war weg. Einfach weg. Für immer verschwunden.“

„Wir haben an diesem Tag nach dem Ding gesucht. Bis zur Dunkelheit. Den nächsten Tag. Die nächsten Wochen. Und ihn nicht gefunden. Selbst in den Jahren danach, wenn ich mit meiner Frau spazieren gegangen bin. Wenn ich einen meiner Hunde Gassi geführt habe, ich hatte über die Jahrzehnte sieben. Immer habe ich mich dabei ertappt, wie ich nach dem Ball ausschaue.“ Dann hält er inne, trocknet sich mit einem Baumwolltaschentuch Augen und Wangen.

Nachdem wir beide vom Kaffee getrunken haben, breche ich die entstandene Stille. Ich zeige mit dem Finger auf den Ball, der erneut von seinen Händen liebkost wird: „Entschuldigen Sie, Herr Carstens, sprechen Sie von diesem Ball?“ „Naja. Der Robert wollte heut mal raus. Und da ging der Tino von nebenan gleich mit. Zwanzig Minuten später stehen sie mit dem Ball vor mir im Schuppen. Ist das nicht unglaublich? Ein Wunder? Nach über 60 Jahren.“

Ich schüttle ungläubig den Kopf. Alfred erhebt sich aus seinem Sessel, schreitet um den Tisch und reicht mir, nicht ohne abermals liebevoll über den Ball zu streichen, die Kugel. Behutsam übernehme ich und drücke meinen Daumen vorsichtig ins Leder. Erstaunt bemerke ich: „Hier ist sogar noch Luft drauf.“ „Ist auch ein Guter. Habe ich immer gesagt.“.

Keine zehn Minuten später stehen Alfred und ich auf einer welligen Wiese unweit des Kanals, der vom Bodden zum Kernkraftwerk führt. „Hier hat er ihn gefunden?“, frage ich. Alfred nickt. Ich lege den Ball ab und stelle die nächsten Fragen: „Und nun? Ein Foto?“

„Ohne mich…“, sagt Alfred Carstens und schaut an sich herunter, „… habe doch bloß die ollen Cordhosen an.“

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