Engagement und Gesellschaft - Vertrauen und Zutrauen im Eco Social Design

SG

von Sascha Greilinger
vom 14.12.2021

Welche Bedeutung haben soziale Transformationen und gesellschaftliches Engagement bei der Bewältigung von Krisen? Eco Social Design nutzt und aktiviert das Potential, welches in der Gesellschaft steckt, um Klima- und Umweltkrisen zu lösen.

Krisen hatten wir 2020 eigentlich mehr als genug! Das ganze Jahr war eine einzige Krise. Doch in jenem Jahr zeigte sich auch etwas sehr Positives: Was die Gesellschaft dazu beitragen kann, um Probleme zu lösen, für die die Regierung, die Technik, die Medizin oder die Wissenschaft (noch) keine Lösung hat.

Was mich persönlich aber besonders beeindruckte, war der „Wir VS Virus“ Hackathon der Bundesregierung, bei dem ich selbst teilnahm. 40.000 Menschen meldeten sich binnen weniger Minuten auf Slack an, um sich ein Thema zur Bekämpfung von Corona auszusuchen und innerhalb von einem Wochenende Lösungen zu entwickeln.

Dabei gaben 77% der Teilnehmer:Innen bei einer späteren Befragung an, mit ihrer Arbeit einen gesellschaftlichen Beitrag leisten zu wollen.

Weiter geht der Jahresbericht 2020 über gesellschaftliches Engagements mit der Explosion in Beirut: Nach dem Unglück räumten Bewohner „ihre“ Stadt auf, errichten Unterkünfte und organisierten die Verpflegung für unzählige obdachlos gewordene Mitmenschen. Zunächst ohne jegliche staatliche Hilfe oder Unterstützung von Hilfsorganisationen. Auch eine Woche später bei dem Tanker-Unglück auf Mauritius war von Hilfe durch die Regierung wenig zu sehen. Trotzdem nähten Freiwillige improvisierte Ölabsorber aus Fischernetzen, Stroh und Plastikflaschen um „ihre“ Umwelt und das Leben der Tiere zu schützen.

Müssen wir also mehr auf die Kompetenzen und das Engagement der Zivilgesellschaft vertrauen, ihnen gewisse Aufgaben einfach zutrauen?

Für mich als Designer ist dies eine ganz interessante Fragestellung. Denn wir können Ideen, Konzepte und Produkte entwerfen, welche diese Kompetenzen und dieses Engagement nutzen und fördern. Design hat meiner Meinung auch die Aufgabe, Plattformen und Werkzeuge zur Teilhabe, Transparenz und Wissensvermittlung für die Gesellschaft zu schaffen. Es ist unsere Verantwortung in der Gestaltung einer zukunftsfähigen Welt auch diese Gesichtspunkte mitzudenken.

Doch wie können wir einen Wertewandel erreichen und Fähigkeiten wie Achtsamkeit und Gemeinsinn für soziale und ökologische Nachhaltigkeit vermitteln und Produkte bzw. Nicht-Produkte dafür entwickeln?

Eco Social Design – also ökologische Gestaltung, welche die Gesellschaft mit einbindet, beschäftigt sich mit genau solchen Fragen. Es darf dabei aber nicht nur als eigenständige Designdisziplin gesehen werden - Ein Weg, den ein paar linksgrün-versiffte Kreative (Ich erlaube mir den Begriff, weil ich mich hier selbst dazu zähle) aufgrund ihrer Überzeugung eingeschlagen haben. Eco Social Design muss fester Teil in allen Designbereichen werden, wenn wir uns als Gestalter:Innen einer zukunftsfähigen Gesellschaft sehen wollen.

Und so muss diese Geisteshaltung auch von der Wissenschaft, in der Politik und der Industrie wahrgenommen werden. Vor allem müssen wir aber lernen, selbst diese Haltung zu entwickeln und diese in unserer Arbeit zu vertreten.

Wir müssen unseren Auftraggebenden sagen können: „Tut mir leid, aber Ihr Produkt ist nicht nachhaltig. Produzieren Sie es nicht. Machen Sie lieber folgendes um das Problem zu lösen…“

Und diese Einschätzung muss ernst genommen und berücksichtigt werden. Wir haben es hier also mit einem Paradigmenwechsel zu tun, der weit über Design hinausgeht. Noch weiter geht die Professorin für Designtheorie und -geschichte Annette Geiger:

Angesichts von sieben Milliarden Menschen auf der Erde, entsprechenden Versorgungs- und Bildungsproblemen sowie Hunger-, Flüchtlings- und Umweltkatastrophen, sollen sich Designer um echte Probleme kümmern. (...) Das Soziale am neuen Designbegriff besteht also in der weitaus kritischeren Nachfrage, welche Probleme überhaupt ein Recht darauf haben, durch Design gelöst zu werden.

Annette Geiger (aus dem Buch "Social Design", 2016)

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