Flanieren gegen die Quarantäne-Langeweile

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Von bjoerndahlqvist
25.03.2020

I

n den Augen der Liebe wird alles neu! Vielleicht ist es an der Zeit, wieder jung und stürmisch zu sein. Mit schmalzigen Worten um sich zu werfen. Romantisch zu sein, auch wenn das dumm ist.

Im Grunde habe ich überhaupt kein Problem mit Isolation und Menschenferne.

Ich gehöre wohl eher zu den Einsiedlertypen, die auch mal gut und gerne Zeit für sich verbringen. Auch über einen längeren Zeitraum.

Trotzdem gehöre ich auch zu den Typen, die immer wollen, was sie nicht haben können: den Sommer, wenn draußen eisige Winterkälte herrscht (keine Ahnung, wann das das letzte Mal so war), und den Winter, wenn dann der Sommer da ist.

Monate, nein Jahre lasse ich Filme in meiner Watchlist verwahrlosen, die ich erst dann unbedingt gucken möchte, wenn sie nicht mehr verfügbar sind.

Und so will auch ich endlich wieder die Menschen, wenn mir die Einsamkeit unabdingbar auferlegt ist.

Weil aber der Kontakt, aus guten Gründen, auf ein Minimum reduziert werden sollte, ist das nicht so einfach. Aber irgendwas in mir will weg von den Bildschirmen und Buchstaben, weg von der durchkontrollierten und immergleichen Umgebung, meinen berechenbaren vier Wänden.

So treibt mich mein Körper ziellos in Richtung Stadtwald. Ich habe keinen Plan, wohin ich gehe und wie lange ich bleibe. Ich weiß, dass man einen so planlos Umherschweifenden in der Literatur als Flaneur bezeichnet.

Einen, der zumeist in der Großstadt zwischen den Menschen anonym vorbeigleitet. Gesehen und dennoch ohne Gesicht, ohne Charakter für alle anderen. So stillt man seine Sehnsucht nach Menschen nicht wirklich.

Bis auf ein flüchtiges Gespräch mit einer in Frankreich geborenen älteren Frau, die mir erzählt, wie sie die Liebe in den 80er-Jahren nach Deutschland verschlagen hat, bleibe ich anonym.

" Ich gehöre wohl eher zu den Einsiedlertypen, die auch mal gut und gerne Zeit für sich verbringen. "

Was mir jetzt als Natur entgegenschlägt, sind nicht die zahllosen Blätter, die ich sehe, die Reinheit der Luft, die ich vergnüglich atme, das Zwitschern der Vögel, das ich vernehme, oder die Rinde, die ich fasse, sondern vielmehr die Einstellung des Flaneurs selbst.

Keinen weg haben. Nichts in eine Ordnung zu bringen. Das Flüchtige vergehen zu lassen, ohne es verstehen zu wollen. Sich überwältigen lassen. Weiterziehen. Gehenlassen.

So pathetisch es klingt: Es ist nicht bloß die Natur da draußen, die wir im Begriff sind so dermaßen unter unseren Dienst stellen zu wollen, dass ihr nichts anderes übrig bleibt als zurückzuschlagen, es ist auch die Natur in uns, die sich unter dem Druck eines allzu stark gewordenen Kontrollzwangs wieder zu Wort melden wird.

Und ist das nicht eigentlich auch eine Kraft der Liebe, die der Frühling so wunderlich zu beschwören vermag?

Eine tausendfach sich vervielfältigende Wirklichkeit, unkontrollierbar, und verletzliche hingebungsvolle Seelen, denen Kontrolle so fern ist, wie der Natur die menschliche Ordnungssucht.

Und wo die Liebe dazu befähigt, (Länder-)Grenzen zu überschreiten, übt sich der Flaneur darin, die Grenzen auch in sich zu tilgen, um unbewanderte Wege gehen zu können.

Man muss nicht gleich ans andere Ende der Welt fliegen, um seine Sehnsüchte zu stillen. In den Augen der Liebe wird alles neu!

Vielleicht ist es an der Zeit, wieder jung und stürmisch zu sein. Mit schmalzigen Worten um sich zu werfen. Romantisch zu sein, auch wenn das dumm ist.

Den Sommer wollen, wenn Winter ist. Und flanieren, wie es die windgetriebenen Blätter tun. Das macht auch aus mir noch einen menschensuchenden Einsiedler.

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