Nutze Deinen Müll!

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Von Nutzmüll e.V.
14.05.2020

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nsere Geschichte fängt 1983 an. Spielende Kinder finden Giftmüll in Hamburg und das Waldsterben ist in den Schlagzeilen. Gemeinsam wollen Menschen aus Umweltverbänden, der Friedens- und Anti-Atom-Bewegung, Dritte-Welt-Gruppen bis hin zu Fraueninitiativen etwas Grundlegendes ändern. Die Grünen formieren sich als Partei und ziehen in den Bundestag mit „Vollbart und Wollpullover“ ein.

Bürgerinitiativen bilden sich. Auch Nutzmüll e.V. will nicht tatenlos zuschauen und Ressourcen schützen. Zuviel Müll wird weggeworfen, der noch nützlich ist. Die zentrale Frage dahinter ist: Wie kann der Müll besser recycelt und verwendet werden? Der Mitbegründer von Nutzmüll e.V., Heinz Kötter, entwickelt die Hamburger Wurmbank, einen Balkonkomposter für die Stadt. Sogar das Magazin „Der Spiegel“ widmet dem Konzept einen Artikel am 29. Mai 1989 mit dem Titel „Wie rohe Eier“: „Einen ‚regelrechten Run‘ auf den Wurm vermeldet auch der Hamburger Ökologieverein ‚Nutzmüll‘, der Tips und Würmer samt einer eigens für sie entworfenen Kiste, der ‚Hamburger Wurmbank‘, vertreibt.

‚Nicht nur Ökos, sondern auch ganz normale Leute‘ sind, wie ‚Nutzmüll‘-Mitarbeiterin Renate Konopka weiß, plötzlich scharf auf das leicht schleimende Tier. Von jeher war ‚Eisenia foetida‘, als Kompostwurm und fleißiger Humusproduzent, des Hobbygärtners Lieblingstier. Zur Beseitigung des Hausmülls ist er neuerdings verstärkt als Hausgenosse in der Mietwohnung auf der Etage tätig. Im Sommer auf dem Balkon, im Winter in der Küche oder im Keller, ist er bequem in Kiste oder Tonne zu halten; er gilt als ausgesprochen ‚standorttreu‘. Bekommt er die ‚Zuwendung‘, die er nach den Erkenntnissen der Biologin Konopka braucht - Temperaturen zwischen 7 und 30 Grad Celsius, gelegentlich einen Guss Wasser -, dann vermehrt er sich rege und frisst alles, was organisch ist: pro Tag maximal ein halbes Gramm. Zwiebelschalen und Kaffeesatz liebt er besonders, ‚das regt‘, weiß die Biologin, ‚seinen Sexualtrieb an‘. Kohl dagegen verträgt er schlecht. Davon bekommt er Pusteln. Immerhin ein Drittel des Hausmülls sind organische Stoffe, eignen sich mithin als Futter für den Wurm."

Wiederverwendung und Beschäftigung

Die zweite zentrale Frage, die Nutzmüll beschäftigt, ist die Wiederverwendung und das Upcycling: „Alte Dinge bekommen wieder einen Wert“ bzw. „Erste Liebe Zweite Chance“. Sachspenden werden dankend entgegen genommen. Doch wer kümmert sich um die Aufarbeitung? Nutzmüll möchte Menschen helfen, die keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden.

" Alte Dinge bekommen wieder einen Wert "

Frei verkäuflich, nachhaltig und fair produziert

Seit 2019 stellt Nutzmüll nachhaltige Produkte für den freien Verkauf her. Vorher galt lange die ausschließliche Bedürftigkeitsregelung. Der Balkon- und Wohnungskomposter Hamburger Wurmbank bekommt ein neues Gesicht, die Bienenkiste nach dem Konzept von Erhard Maria Klein wird bei uns gebaut oder der federleichte Einkaufs-Shopper „Stadtlaster“ aus LKW-Schnittresten genäht. Und es gibt bereits neue, sinnvolle Produkte wie ein Schneidebrett aus Holz, Gardinen-Gemüsenetze, eine wendbare Kinderkrone oder auch Schlüsselschoner aus Fahrradschlauch.

In der Corona-Krise hat unsere ‚Mitarbeiterin des Monats‘ sogar ihren Urlaub verschoben, um – am laufenden Band – Community-Masken zu nähen. Und die über 10.000 Stoffbeutel, die wir als Sachspende erhalten haben, konnten wir waschen und an die Hamburger Tafel weitergeben, damit sie gut gefüllt bedürftige Menschen erreichen.

Auch nach 37 Jahren ist Nutzmüll seinen Zielen treu geblieben: „Alten Dingen wieder einen Wert geben“ bzw. „Zweite Chance - Erste Liebe“ durch Wiederverwendung und Upcycling.

Und Menschen das Leben, die es schwerer haben, zu erleichtern.

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