Von Smog, Plastiktüten und gefärbten Erdbeeren

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Von Saskia
29.03.2020

Ü

ber den Kontrast zwischen deutschem Dorf und China: Saskia schreibt darüber, wie sich ihre Einstellung zur Natur geändert hat.

Wie oft bin ich schon über Wiesen gelaufen und durch Wälder spaziert, ohne meine Umgebung wirklich wahrzunehmen? Wie normal war es für mich, jeden Sommer in natürlichen Seen zu schwimmen und beim gemeinsamen Grillen am Abend die Sterne beobachten zu können. Auch der Geruch von frisch gemähtem Gras und jener von klarer Frühlingsluft waren so alltäglich für mich, dass ich all dem nie Beachtung geschenkt habe.

Zugegeben, ich spreche hier von meiner Kindheit im wahrscheinlich kleinsten Dorf Deutschlands am Rande der Zivilisation. Aber dort, wo man ohne Auto absolut aufgeschmissen ist und nahezu abgeschnitten von der restlichen Welt lebt, gibt es Natur pur. Früher habe ich mich gefragt, warum Menschen sich entscheiden, freiwillig dort zu leben. Heute fahre ich selbst mehrmals im Jahr dorthin, wenn ich das Gefühl habe, Abstand vom Unileben zu brauchen. Jedes Mal merke ich auf Neue, wie ich schon wieder vergessen hatte, wie klare Luft wirklich riecht. Heute macht mich dieser Geruch unglaublich glücklich.

Das war nicht immer so.

Lange hat mich Natur nicht gejuckt. Sie war einfach etwas, das da war, das selbstverständlich war. Warum hätte ich einen Gedanken an sie verschwenden sollen? Ich wollte Großstadt. Kunstmuseen, Shoppingcenter und Clubs waren für mich das einzig Erstrebenswerte. Ich verbrachte stundenlang am Computer, von der ich ungefähr die Hälfte der Zeit mit Freunden schrieb, die ich davor schon mindestens sechs Stunden in der Schule gesehen hatte, die SIMS zockte oder online shoppte. Wobei man betonen muss, dass ich nicht wirklich shoppte, da mein Shoppingerlebnis darin bestand, Dinge in meinen Warenkorb zu tun, die ich im Anschluss sowieso nicht kaufte, weil ich sie mir nicht leisten konnte. Ihr versteht, ich war jedenfalls alles andere als naturverbunden.

Und dann kam China.

Durch einen seltsamen und glücklichen Zufall, kam es dazu, dass meine beste Freundin und ich ein Jahr nach dem Abi nach China gingen, um dort Englisch zu unterrichten. Später entschied ich mich dazu, Chinesisch zu studieren und verbrachte deshalb ein weiteres Jahr im Land, um meine Sprachkenntnisse zu vertiefen. Was soll ich sagen? Ich habe das Land lieben und hassen gelernt. Das mangelnde Verständnis für die Natur und der traurige Zustand dieser an vielen Ecken, haben mich erst erstaunt und dann schockiert. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich in den Winterferien mit Freunden nach Peking reiste und der Himmel an jedem Tag so grau war, dass die schönste Sehenswürdigkeit öde wirkte. Wir schoben es damals auf das Wetter und dachten, wir hätten einfach Pech gehabt. Bis wir an einem besonders grauen Tag unter den grauen Tagen beschlossen, diesen lieber in einem gemütlichen Café zu verbringen. Um keine kompletten Kulturbanausen zu sein, wollten wir davor aber wenigstens noch einen kleinen Abstecher zum „Platz des himmlischen Friedens“ machen.

Dort angekommen, konnte man seine eigene Hand vor Augen nicht mehr sehen. Es war so, als würde dichter Nebel über den Platz liegen, aber man wusste zugleich, dass das kein Nebel war. Wenn man nach oben sah, konnte man zwar ungefähr erkennen, wo die Sonne stand, er handelte sich dabei aber um einen gelben Kreis, der es nicht schaffte, durch die dicke „Nebelschicht“ durchzukommen. Ich merkte, wie meine Laune von der einen Sekunde auf die andere auf den Tiefpunkt sank und ich nur noch weg wollte. Es war einfach ein Gefühl. Ich frage mich bis heute, was genau damals mit mir passiert ist. Erst im Nachhinein erfuhren wir, dass es der bis dato smogreichste Tag in Pekings Geschichte war. Damals hatten wir nur noch keine App, um die Luftverschmutzung zu tracken und konnten uns einfach nicht vorstellen, dass dieser Nebel Smog sein sollte. Besagte Apps sind übrigens heute in China fast täglich im Einsatz. Es läuft mir immer noch kalt den Rücken herunter, wenn ich an diesen Tag zurückdenke.

Als ich zwei Jahre später mein Auslandsjahr in China antrat, war ich fast vegan, das Wandern in der Natur zählte zu einem meiner größten Hobbys und ich versuchte, möglichst nachhaltig zu leben. Ich wusste natürlich, worauf ich mich einließ und dass da zwei Welten aufeinanderprallten, die schwer zu vereinbaren waren. Aber erst als ich wieder einige Zeit im Land lebte, wurde mir klar, wie schwer. Mit meiner frisch heruntergeladenen App trackte ich jeden Tag fleißig die Luft, deren Verschmutzungsgrad die meiste Zeit das Farbspektrum „rot“, „dunkelrot“ und „lila“ abdeckte. „Lila“ war übrigens gleichzusetzen mit „extrem gesundheitsschädigend“. Lediglich „grün“ war gut und „gelb“ gerade noch akzeptabel. Während Paris mit Werten von 30 höchstens einmal „gelb“ erreichte, hatten wir im Winter alle paar Tage „lila“ und Werte von 200. Ich hörte von anderen Austauschstudierenden Geschichten von Leuten, die joggen gehen wollten und aufgrund von Atemnot nicht mehr weiterlaufen konnten. Zwei andere aus meiner Klasse und meiner Parallelklasse erkrankten nach wenigen Wochen an schlimmen Lungenentzündungen und mussten jeweils fast einen Monat im Krankenhaus behandelt werden.

Nicht viel besser war es mit den Lebensmitteln.

Frisches, unbelastetes Gemüse war kaum zu bekommen. Vieles, das man im Supermarkt kaufen konnte, war ungefähr doppelt so groß wie normalerweise hierzulande, schmeckte dann aber nach gar nichts. Lehrer erzählten uns von Lebensmittelskandalen, wie zum Beispiel jener um die Erdbeeren einige Jahre zuvor, als weiße, unreife Erdbeeren einfach rot eingefärbt und verkauft wurden. Genauso schockierte es mich, als ich hörte, dass schätzungsweise bereits um die 70% der Böden des Landes unfruchtbar waren.

Vom Wegwerfwahn ganz zu schweigen.

Ich konnte den Plastiktüten kaum entkommen. Egal wo man hinkam, vom Obsthändler über den Supermarkt bis zum Milchtee-Stand, überall bekam man sie hinterhergeworfen. Da brauchten Leute für ihre drei Äpfel selbstverständlich gleich drei Tüten auf einmal, für jeden Apfel eine. Selbst die Sojamilch wurde in Plastiktüten verkauft, inklusive Plastikstrohhalm versteht sich. Meine Mitbewohnerin, eine Koreanerin, putze ihre Möbel und den Boden stets mit einmal verwendbaren Feuchttüchern statt mit einen Wischer zu benutzen. Ihr könnte euch den wöchentlichen Müllberg an Feuchttüchern vorstellen.

Ich hörte während meiner ganzen Zeit kaum einen Vogel. Das fiel mir erst auf, als ich mit Freunden einen Wochenendausflug in einen Nationalpark machte und wir plötzlich zwei Vögeln begegneten. Das Ganze kam uns schon fast unwirklich vor. Genauso, wie der blaue Himmel über uns.

Als ich die Autotür aufmachte und mir das erste Mal nach diesem Auslandsjahr wieder die klare Luft meines kleinen, unberührten Heimatdorfes entgegen strömte, konnte ich es kaum fassen. Nicht, dass das vergangene Jahr schlecht gewesen wäre, ich konnte wieder unglaublich viele Erfahrungen sammeln und es war insgesamt wirklich bereichernd. Vor allem eines aber hatte China mir gezeigt: Natur ist nicht selbstverständlich. Tief durchatmen zu können und die Vögel zwitschern zu hören ist nicht selbstverständlich. Frische, natürliche Lebensmittel konsumieren zu können ist nicht selbstverständlich. Und auch die Tür aufzumachen und einfach joggen zu gehen ist in manchen Teilen der Welt nicht selbstverständlich. Passen wir also gut auf unsere Umwelt auf!

" Genauso schockierte es mich, als ich hörte, dass schätzungsweise bereits um die 70% der Böden des Landes unfruchtbar waren. "

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