2 Marshmallows und Abwrackprämien für Bildung

BB

Von Bijou Beberniß
4.06.2020

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atum Lockdown Deutschland: 27. März 2020 Count: Lockdown 11 Wochen alt Ich habe Ihnen ja bereits erzählt, dass ich kein ganz frischer Jahrgang mehr bin, inklusive aller Risiken und Nebenwirkungen: Man lässt sich weniger vormachen, meint ein Standing und Haltung im Beruf entwickelt zu haben, sieht die Realität ungeschönt, usw. Dennoch habe ich kurz überlegt, ob ich mich als Lehrerin oute.

Kennen Sie das? Sie sind auf einer Party, outen sich und plötzlich sind alle Experten, die die Patentlösung für die Missstände in Ihrer Branche kennen. Ich gebe dem Altkanzeler Gerhard Schröder recht, dass Wort „faule Säcke“ passt zu meiner Zunft. Es ist an der Zeit sich selbstkritisch und einsichtig zu geben. Sie haben ja alle so recht!

In der Bildung ist viel „faul“. Es ist ein wenig wie in dem bekannten Marshmallow Experiment kalifornischer Verhaltensforscher. Kleinen Kindern soll ihr späteres Verhalten vorhergesagt werden. Wenn sie der Versuchung des zweiten Marshmallows widerstehen, würden sie später erfolgreicher sein als jene, die doppelte Portion in den Mund stopfen. Ergebnisse hin oder her – eins weiß ich mit Sicherheit: Ich hätte den Zweiten sofort gegessen, während die Helikoptermütter aus meiner Straße, Charlotte und Petra, ihre Kinder, wie beim homeschooling leidenschaftlich vertreten würden. Jeden Tag klingen sie stolz, wenn sie berichten, wie sie die Wochenplanaufgaben ihrer Kinder erledigt haben. Von meinem neue Tante Erika Ausguck meines offenen Küchenfensters konnte ich jedoch beobachten, wie Junior eher die Popel studierte, die er aus seiner Nase fischte, um sich anschließend den Popelfinger auf dem Vokabelheft abzuwischen. Statt sich zu empören, sagte Charlotte: Was für ein schöner Beitrag!“ Gesegnet seien die Unwissenden, oder ist es pure Verzweiflung?

Ich kann ihr nicht böse sein. Mal ganz ehrlich, ist es nicht eher der verzweifelte Versuch in einem maroden Bildungssystem, dass Überleben des eigenen Kindes zu sichern? Sie kann nicht sehen, dass die realitätsfernen „faulen Säcke“ nicht in der Schule ihrer Kinder sitzen, sondern an den Hebeln der Macht in Berlin und den Landesministerien. Während ihr Ehemann Jörg, Softwareentwickler seines Zeichens, jedes Jahr einen neuen SUV und neue Hard- und Software für sein Homeoffice bekommt, gibt es in der Schule zwar Smartboards mit willigen Lehrern davor, aber kein WiFi und daher ist kein neues Softwareupdate. Ich habe einen Traum: endlich mal ein Programm im vollen Umfang nutzten zu können, da mein Boss mal eine Liezens kauft, statt uns auf das Probeabo zu reduzieren. Neunzig Prozent der Lehrenden müssen sich sowohl die Software, die Hardware als auch das Knowhow selbst aneignen. Was Jörg wohl dazu sagen würde, wenn er seine Hardware und seinen SUV selbst bezahlen müsste? Folgende Ideen dieses selbsternannten Elternbeirats der Republik, dessen heimlicher Vorsitzender Jörg natürlich ist, über den Gartenzaun: Unterricht in Messehallen, Hotelkonferenzräumen, Platz für unsere Kinder in Coronazeiten, und so weiter.

Die KMK Heinis bedienen sich der neuen Haschtackkultur – denn Twittern war gestern, um etwas für Lau zu bekommen. Sie meinen es nur gut. Sie wollen ja nur helfen. Während die Risikopatentin Bildung durch eine flächendeckende, verschleppte Lungenentzündung abbaut und notbeatmet wird, weil sie keine Lobby hat – nicht mal in den eigenen Ministerien, wird der leicht verschnupften Autoindustrie eine milliardenschweres Behandlungsprogramm erster Klasse hinterhergeworfen. Lassen Sie sich von dem Namen Abwrackprämie nicht in die Irre führen. Während der „Digitalpackt“ Bildung bedeutet, dass die Mehrheit der Eltern, Lernenden und Lehrenden sich im Stich gelassen fühlen. Der kurzfristige Rettungsschirm für Bildung sieht einen Zuschuss von ca. 150,- Euro für einkommensschwache Familien vor, um den Weg eigenständig in die Digitalisierung zu gehen. Da investiert der Staat ja fast Unsummen. Wir wissen ja alle, was wir für 150,- Euro kaufen können: 15 Regenrettungsschirme bei Rossmann, 1/3 Notebook oder neue Patronen für einen Drucker, den man sich nicht leisten kann. Von Folgekosten wie Router, Anschlussgebühren oder Webinare ganz zu schweigen. Es lebe die lebenslange Bildung für 150,- Euro! Ein hoch auf den Digitalpackt! Cheers!

Ich fand es sinniger, Jörg, Charlotte, Petra und sogar meinem grummeligen Nachbarn Werner alte Endgeräte und Router an die Schule zu spenden zu lassen: kurze Wege, wenig Bürokratie und die Kinder haben sogar ein ganzes Gerät bekommen. Die Antwort auf die Frage: Wer wrackt hier wen ab?, kennen Sie bereits, oder? Marshmallows können Antibiotika nicht ersetzen.

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