Räumung der Köhlbrandbrücke durch Einsatzkräfte der Hamburger Polizei

Aufstand oder Aussterben: Ziviler Ungehorsam im Kampf gegen die Klimakrise

D

von Dario
vom 14.05.2021
aktualisiert am 14.06.2021

119

Um die Erderwärmung mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% auf maximal 1,5°C zu begrenzen, ist für Deutschland Klimaneutralität bis 2025 zu veranschlagen – ungeachtet dessen, was andere Staaten tun. Dass unsere aktuelle Klimapolitik dieses Ziel – wir sollten besser von einem 1,5-Grad-Limit sprechen – weit verfehlen wird, dürfte trotz steigender Umfragewerte der Grünen, kaum verwundern. Doch worin liegt das seit Jahren fortbestehende Politikversagen bzgl. Nachhaltigkeit und echtem Klimaschutz begründet? Und was kann jede*r Einzelne tun, um der Politik auf die Sprünge zu helfen?

Anmerkung: Der Inhalt dieser Story spiegelt nicht die Meinung von blustories wider.

In einer parlamentarischen Demokratie wählt eine konsumverliebte Mehrheit keine Politik, die sie zu etwas zwingt, wozu sie freiwillig nicht bereit ist.

Niko Paech

Die Politik greift gesellschaftlichem Wandel niemals voraus, sondern eilt sich in der Gesellschaft bemerkbar machenden Tendenzen hinterher, stellt der deutsche Postwachstumsökonom Niko Paech klar. Alles andere wäre politischer Selbstmord. Obiges Zitat macht einerseits deutlich, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine demokratische Mehrheit für echten Klimaschutz zu gewinnen ist, der diesem Namen auch gerecht wird, da der Rückhalt aus der Bevölkerung für die hierfür notwendige Veränderung fehlt. Andererseits liegt die Vermutung nahe, dass der Politik unter die Arme gegriffen werden kann, indem mensch spürbare Tendenzen hinsichtlich eines systemischen Wandels hin zu mehr Nachhaltigkeit erkennen lässt: Klimastreiks und vergleichbare angemeldete Protestformen wie Kundgebungen und Mahnwachen sind sicher ein erster Schritt, um durch die schiere Teilnehmerzahl und mit Hilfe von Presse und Medien Druck auf die Politik auszuüben.

Dennoch hatte ich für meinen Teil nach einem Klimastreik niemals das befriedigende Gefühl, ALLES gegeben zu haben. Nach jedem Streik blieb der schale Beigeschmack, viel mehr der Schuhindustrie als dem Klima dienlich gewesen zu sein. Und in etwa einem halben Jahr würde sich wieder für eine Stunde getroffen und Schilder schwingend durch den Ort gelatscht werden, weil 60 Minuten meiner Freizeit alles sind, was mir das Leben auf diesem Planeten bedeutet!? Bitte nicht falsch verstehen; ich halte die Klimastreiks für wichtig und richtig (und habe nebenbei bemerkt keinen einzigen versäumt) nur bin ich davon überzeugt, dass es effiktivere Methoden gibt, seiner Stimme Gehör zu verschaffen: Der friedliche zivile Ungehorsam ist eine davon!

Straßenblockade der Extinction Rebellion Ortsgruppe Göttingen im März 2021.<br>

Straßenblockade der Extinction Rebellion Ortsgruppe Göttingen im März 2021.

Beim gewaltfreien zivilen Ungehorsam (kurz: ZU) geht es darum, bewusst rechtliche Grenzen (in einem gewissen Rahmen) zu überschreiten und somit bewusst eine Bestrafung zu provozieren bzw. billigend in Kauf zu nehmen. Als Umwelt- und Klimaaktivist*in lautet das Credo, dass mensch den Erhalt unserer Lebensgrundlagen für so wichtig erachtet, dafür mit dem Namen für die klimagerechte Sache einzustehen und den Behörden (i.d.R. der Polizei) und der Politik auf diese Weise zu verstehen gibt, was für einen Stellenwert dieses Anliegen bei uns Aktivisti hat, da die generelle Bereitschaft, strafrechtliche Konsequenzen auf sich zu nehmen, signalisiert wird.

Die konkrete Ausübung friedlichen zivilen Ungehorsams kann je nach Schauplatz des Protests unterschiedlich ausfallen: Die Besetzung von Bäumen, die für den Autobahnbau gerodet werden sollen, das Festketten an institutionellen Gebäuden oder Firmengrundstücken, um gezielt auf Missstände hinzuweisen oder die Blockade von Straßen und Brücken, um nur einige Formen zivilen Ungehorsams zu nennen. Das Ziel ist, eine größtmögliche Störung des Alltags herbeizuführen und dabei nicht nur möglichst mediale Aufmerksamkeit, sondern auch durch Stören die Allgemeinheit zu erreichen: Die Klimakrise MUSS Gesprächsthema Nummer 1 werden!

Die Hessische Landespolizei bei der Räumung des Dannenröder Forstes im Dezember 2020.<br>

Die Hessische Landespolizei bei der Räumung des Dannenröder Forstes im Dezember 2020.

Doch um einen systemischen und damit gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen, brauchen wir mehr Menschen, die bereit sind, mit ihrem Namen für Klimagerechtigkeit einzustehen! Es gibt hierzulande mittlerweile mehrere umweltpolitische Bewegungen, die im Namen der Klimagerechtigkeit zu gewaltfreiem zivilen Ungehorsam aufrufen. Jede*r ist bspw. bei Extinction Rebellion (XR), Animal Rebellion (AR) und Ende Gelände (EG) willkommen, solange er/sie den Aktionskodex absoluter Gewaltfreiheit und eines respektvollen, solidarischen Miteinanders beherzigt. Neben dem aktiven Kennenlernen Gleichgesinnter ist ein weiterer Vorteil, in einer der genannten Klimabewegungen mitzumachen, dass etwaige eventuell anfallende Repressionskosten solidarisch aus der gemeinsamen Repressionskasse erstattet werden. Also worauf warten wir noch? Rebellieren wir, als ginge es um unser Leben, denn genau darum geht es: Klimanotfall ausrufen!

Deshalb heißt es JETZT: Handeln statt hoffen! Verändern oder verenden! Wir sehen uns auf der Straße (Corona-konform mit Abstand und Maske)!

Darios Profil auf Instagram

Titelbild: Räumung der Köhlbrandbrücke durch Einsatzkräfte der Hamburger Polizei

Möchtest du eine Antwort in Form einer Story schreiben?

Weitere Stories