Kluge Wasserführung und Grün reduziert Hitze und Starkregenfolgen. Hier: Dachbegrünung - auf einem Boot in Amsterdam.

Aus dem Alltag einer Klimaanpassungsmanagerin Episode 1

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von Felizia Göltenboth
vom 28.09.2021
aktualisiert am 2.10.2021

Zunehmender Hitze und Regen mit Grün begegnen - so fasse ich meine neue Aufgabe zusammen. Eigentlich. Doch dann passierte die Flutkatastrophe im Westen Deutschlands und plötzlich gab es nur noch dieses Wort: Starkregen.

Als ich mir am 1. Juli 2021 morgens eine sorgfältig gebügelte Bluse anziehe, ahne ich davon noch nichts. Mein erster Tag als Klimaanpassungsmanagerin in einer Großstadt in NRW verläuft mit Blumen, Vorstellungsrunden und Passwörter festlegen ganz behutsam. Dass sich die Presse für mich und meine Funktion interessiere, höre ich von der Amtsleiterin - und das, obwohl es gerade weder besonders heiß ist noch besonders stark regnet.

Mein Tätigkeitsfeld: festgelegt durch ein minutiös ausgearbeitetes Klimaanpassungskonzept. Die Klimawandelfolgen Hitze und Starkregen darin, eine Analyse welche Stadtteile und welche Bevölkerungsgruppen es am meisten trifft, viele Vorschläge was dagegen getan werden kann.

Dach- und Fassadenbegrünung lautet einer der Vorschläge, denn die kühlt den Innenraum und vielleicht sogar die Umgebung, reinigt die Luft, fängt (Stark)regen auf.

Die Verwaltung von Schatten und Versickerung überzeugen, lautet ein anderer. Straßenbäume können bei Hitze für die schattig kühle Flecken sorgen, freie Flächen, Versickerungsmulden und sogenannte Rigolen dafür, dass Regenwasser versickert anstatt das Kanalsystem zu überlasten und oberirdisch für Verwüstung zu sorgen.

Kurz gesagt: Zunehmender Hitze und Regen mit Grün begegnen. Menschen schützen und nebenbei die Stadt lebenswerter machen.

Das klingt so einleuchtend.

Und ist doch ein ganz schönes Kaliber an Aufgabe, wie ich nun lerne.

Grund 1: So eine Stadtverwaltung ist riesig. Über 6000 Menschen arbeiten hier. Es gibt ein Umweltamt, ein Bauamt, einen Umweltbetrieb, ein Verkehrsamt,etc.,  um nur ein paar der übergeordneten Einheiten zu nennen. In diesen Ämtern: Abteilungen, unterteilt in Abschnitte, unterteilt in Menschen, die viele unterschiedliche Dinge machen, die nirgends so richtig stehen. Finde die richtigen Leute zum richtigen Thema und erreiche sie.

Grund 2: Kennt ihr den Film "Per Anhalter durch die Galaxis"? Nicht ohne Grund denken wir beim Wort "Verwaltung" gerne an Stapeln von Papier, die langsam von einem leicht genervten Mitarbeiter (oder Vorgon) abgestempelt werden (ich zumindest). Tatsächlich liegt der Teufel hier im Detail. Es gibt viele Vorschriften und auch ungeschriebene Regeln. Wer wo unterschreiben muss bei Beschlussvorlagen, zum Beispiel. Beschlussvorlagen sind Vorschläge der Verwaltung in Textform, die dann der Politik zum Beschluss vorgelegt werden. So beispielsweise mit dem Klimaanpassungskonzept geschehen. Keine*r möchte einen Fehler machen, denn das fällt auf, da die meisten Papiere durch viele Hände gehen. Keine*r möchte etwas schreiben oder sagen, worauf sich z.B. später die Politik berufen kann - mit negativen Konsequenzen. Deshalb wird lieber alles zwei Mal kontrolliert. Und das dauert und kann nervenaufreibend sein. (Dies sind meine persönlichen Eindrücke nach drei Monaten und spiegeln womöglich nicht die Meinung anderer wider. ;-))

Grund 3: Klimaanpassung ist zwar mittlerweile gesetzlich verankert (im Baugesetzbuch), aber längst noch keine Selbstverständlichkeit. Nicht einmal der Begriff ist vielen ein Begriff.

Und da wären wir bei meinem 14. Arbeitstag, der 14. Juli 2021, die Nacht, in der viele Menschen ihr Hab und Gut und manche sogar ihr Leben verloren haben. Durch Starkregen.

Was, wenn diese Wolken über uns niedergeregnet wären? lautete die Frage, bei uns auf dem Flur genauso wie in den Anfragen aus der Politik, die ein paar Tage später kamen. Die Großstadt, in der ich arbeite ist nicht allzu weit vom Krisengebiet entfernt.

Wir haben eine Starkregengefahrenkarte, die verschiedene Szenarien zeigt, lautet eine Antwort. Das schlimmste Szenario: 90mm Regen innerhalb von 60 min. Was im Ahrntal passiert ist, war schlimmer. Und doch ist bereits diese Karte voller tieflila Flecken, Überflutungsschwerpunkte, mitten in der Stadt.

Wen interessiert da noch Hitze?

Die letzten Wochen habe ich damit verbracht, Anfragen aus der Politik zu bearbeiten, in denen es um die Starkregengefahrenkarte geht. Zum einen. Doch zum anderen: mir den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man an die eigentliche Substanz kommt, dort, wo Versickerungsmulden geschaffen und Bäume gepflanzt werden: die Bauleitplanung.

Das Stadtgebiet ist in Baugebiete unterteilt, denen Bauleitplänen unterliegen (korrigiert mich, wenn etwas falsch ist, ich lerne noch). Die sind von der Politik rechtsverbindlich beschlossen (wobei wieder Beschlussvorlagen ins Spiel kommen). In "meiner" Großstadt ist das Bauamt Chef der Bauleitplanung. Das Umweltamt gibt Stellungnahmen zu den geplanten Bauleitplänen ab, aber das Bauamt macht die Pläne. Bedeutet: ob Bäume gepflanzt werden oder nicht, Versickerungsmulden angelegt werden oder nicht, Erde mit Asphalt versiegelt wird oder nicht, das wird dort entworfen (im Zusammenspiel mit einigen anderen Ämtern unter Zuhilfenahme vieler Papiere, Unterschriften, Stempel und letztendlich Zustimmung der Politik). Meine klitzekleine Aufgabe ist es nun, die Beteiligten an einen Tisch zu holen und sie davon zu überzeugen, wie wichtig der Schatten, die Versickerung und vieles mehr ist, was die Stadt widerstandsfähiger gegenüber den Kllimawandelfolgen macht - und die Menschen darin gut leben lässt.

Man möchte meinen, dass die Starkregenereignisse im Westen Deutschlands wachgerüttelt haben.

Dass Starkregen, Sturzfluten, Hochwasser zur schreckenserregenden Realität geworden sind. Und dass noch der*die letzte verstanden hat: Wir müssen uns gegen die Folgen der Klimakrise wappnen. (Im Gegensatz zu einem Großteil der deutschen Bevölkerung, die sich in der Bundestagswahl eher weniger um Klimawandelfolgen geschert haben).

Ist das so? Sind die Entscheider*innen in Verwaltung und Politik - zumindest in der Großstadt in der ich arbeite -  bereit, sich für Klimaanpassung auszusprechen? Werden sie nicht nur Anfragen stellen nach dem Motto: wie schlimm wären solche Regenfälle hier? Sondern lassen sie auch konkrete Taten folgen?

Und wie bei jeder guten Fortsetzungsreihe lass ich diesen Cliffhanger so stehen. Denn das wird sich in den nächsten Wochen zeigen und ihr werdet es erfahren.

Titelbild: Kluge Wasserführung und Grün reduziert Hitze und Starkregenfolgen. Hier: Dachbegrünung - auf einem Boot in Amsterdam.

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Kommentare (2)

Felizia Göltenboth

Felizia Göltenboth

Vor 10 Tagen

°°°
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Danke Paul! 😊 Der kommt auf jeden Fall 💪

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Paul Thaler

Paul Thaler

Vor 10 Tagen

°°°
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Hey Felizia, sehr spannende Story! Ich freue mich schon auf Teil 2 😊

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