Das Leben als Klimaaktivistin

PD

von Pauline Daemgen
vom 26.09.2020

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Dies ist die Rede der FFF Aktivistin Pauline Daemgen, die sie am 25. September 2020 in Berlin gehalten hat. Sie schreibt über das Leben als junge Klimaaktivistin, stand mit 17 kurz vor dem Burnout und warnt die Politik: Wir werden kämpfen, bis sich etwas ändert.

Seit unserem ersten Streik ist eine Menge passiert. Aber nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch bei mir und vielen meiner Mitstreiter*innen.

Eine jugendliche Klimaaktivistin zu sein bedeutet eine Achterbahn von Gefühlen. Angst, Stress, Erfolg, Zusammenhalt, Hass, Wut – manchmal einzeln und manchmal auch alles auf einmal.

Ich bin bis heute geehrt und stolz, ein Teil dieser Bewegung zu sein.

Wir haben als Schüler und Studenten mehr bewirkt, als ich vor eineinhalb Jahren für möglich gehalten hätte. Ich mein: Vor einem Jahr standen hier 270.000 Menschen mit uns auf der Straße. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die ich für immer in mein Herz geschlossen habe. Wahre Herzensmenschen.

Vor einem Jahr stand ich hier, die Bühne war schon fast abgebaut und ich habe angefangen zu weinen vor Angst, da ich soeben verstanden hatte, was das damals frische Klimapaket für mich und alle nachkommenden Generationen bedeutet. Und eine von diesen Herzensmenschen nahm mich in den Arm und sagte “hey, weißt du was? Jetzt weinst du, aber die Menschen, die heute hier stehen und weinen, sind die, die noch wirklich was verändern werden.”

Die Fridays for Future Aktivistin Pauline Daemgen

Die Fridays for Future Aktivistin Pauline Daemgen

Das gab mir in dem Moment einen kleinen Funken Hoffnung und da glaube ich heute noch dran. Doch zu dem Zeitpunkt hatte ich hauptsächlich Angst, und Wut gegenüber dem Klimakabinett, die diese SCHEISSE beschlossen hatten und Hilflosigkeit, da trotz all der Arbeit und jedem einzelnen, der 1,4 Millionen Menschen in Deutschland uns in der Politik immernoch niemand ernstnahm.

Und das alles in einem Alter zu fühlen, in dem man sowieso alles in Frage stellt, sich um Schule, Uni, Zukunft und sein eigenes Sozialleben kümmern muss. Eine Zeit mit einer Menge Verantwortung, einer Menge zu fühlen, zu denken und zu tun. Besonders für uns.

Um so mehr man als Aktivist*in tätig ist, umso mehr merkt man, wie schlecht es mittlerweile um die Welt steht. Und das macht Angst.

Und aus dieser Angst habe ich, wie viele andere, angefangen immer mehr und mehr zu arbeiten, bis mein Alltag nicht mehr zu bewältigen war.

Um 5 aufstehen, eineinhalb Stunden lang Plena organisieren, in die Schule gehen, zwischendurch Anrufe und Mails beantworten, um ca. 4 war ich fertig mit der Schule, zu Interviews, Plena, Podiumsdiskussionen gehen, abends Zuhause angekommen, die täglichen 2000 Whats-App Gruppen Nachrichten durchlesen und beantworten, sich Hass von irgendwelchen rechten Trolls aus dem Internet auf meinem eigenen Profil abholen, die denken sie wüssten wer ich bin und könnten anhand der Toastbrotverpackung von Greta festmachen was für eine Heuchlerin und schlechte Person ich wär, dann bis 2 Uhr nachts Hausaufgaben machen, für Klausuren lernen und Präsentationen vorbereiten.

Das typische Bild einer Leistungsgesellschaft gilt leider auch innerhalb der Klimabewegung. Man ist nur wirklich cool, wenn man sich weit genug überarbeitet.

Pauline Daemgen

Dies ist ein Alltag mit 3 Stunden Schlaf, also mit einer Menge Schlafentzug, ohne Pause, ständig auf Abruf, so habe ich gelebt bis es nicht mehr ging. Es wurde einfach zu viel. Ich habe, so wie vermutlich viele andere in der Klimabewegung, im Alter von 17 Jahren höchstwahrscheinlich ein Burnout gehabt.

All das ist kein normaler, kein gesunder Alltag und sollte deshalb auch nicht als Angeberei gesehen werden.Was es aber aus irgendeinem Grund relativ schnell wird. Das typische Bild einer Leistungsgesellschaft gilt leider auch innerhalb der Klimabewegung. Man ist nur wirklich cool, wenn man sich weit genug überarbeitet. Und das muss geändert werden.

Ich habe sehr viel in diesen 2 Jahren gelernt. Und ich weiß, dass vieles in dieser Welt nicht wirklich zukunftsträchtig aussieht. Aber es gibt auch noch eine ganze Menge guter Dinge und Menschen. Zum Beispiel vorher genannte Herzensmenschen. Wir dürfen sie nur nicht aus den Augen verlieren.

Alle, die hier heute hinter mir stehen, oder irgendwo rumrennen brauchen eigentlich wirklich mal eine Pause. Aber wir können nicht aufhören, wir müssen laut bleiben, da bleiben, stark bleiben. Der Politik zeigen, dass wir unsere Zukunft im Gegensatz zu ihnen noch nicht aufgegeben haben. Und das tun wir auch. Jeden Freitag auf der Straße.

Denn irgendwoher haben wir noch Hoffnung. Wir geben nicht auf. Und wenn wir sagen “wir kämpfen bis ihr handelt” wisst ihr ja jetzt das “kämpfen” wirklich ernst gemeint ist. Aber bis nicht tatsächliche Handlungen beschlossen und unsere Forderungen eingehalten werden geben wir nicht auf.

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