Das Leben mit 98,2% Schmutz unter der Motorhaube

TG

von Tim Gilzendegen
vom 15.11.2020
aktualisiert am 16.11.2020

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Ich bin Tim, Tim Gilzendegen. 15 Jahre alt - und ich lebe im Saarland. Dazu engagiere ich mich seit meinem 12. Lebensjahr für eine Partei und den Klimaschutz. Wie schwierig das in einer Industrieregion sein kann, jetzt:

In der (heimlichen Hauptstadt) Kleinstadt Saarlouis begann mein Leben, stammend aus einer russischen Einwandererfamilie.

Meine Eltern legten nie großen Wert auf Umweltschutz. Wir besitzen 3 Mercedes-Benz und mein Vater war jahrelang LKW-Fahrer, sowie KFZ-Mechatroniker. Prinzipiell bin ich prädestiniert dafür, dass ich Autos vergöttere und eigentlich nur darauf warte mit einem BMW bei 300 Km/h auf der Autobahn zu verunglücken. Aber ich glaube nicht, dass das passiert. Ich zweifelte sogar bis vor kurzem noch an, einen Führerschein zu machen. Warum das hier so unüblich ist, liegt an der Region.

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640 von 1000 Einwohner(bei 1 Millionen Einwohnern im Saarland) haben einen PKW. Das ÖPNV Netz ist miserabel und die Landesregierung setzte hier seit dem 2. Weltkrieg auf das Auto. Während nach der Bahnreform dann die Strecken hier abgebaut wurden und die Preise bis vor 2 Jahren noch erhöht wurden, gab es hier nur einen Gedanken in der Jugend. Mit 18 mache ich meinen Führerschein und kaufe mir ein Auto. Warum auch dieses Denken gefördert wurde, liegt an den Arbeitgebern in der Region: Die Fordwerke Saarlouis(in meiner Heimatstadt) bauen jeden Ford Focus, der in dieser weiten Welt existiert. Dazu gibt es noch die ZF-Werke. Diese produzieren Getriebe für Verbrenner(und jetzt auch Hybride). Aber jetzt haben wir das Jahr 2020 und seit einigen Jahren geht es den Bach runter. Ich möchte das chronologisch so aufführen, wie ich es in meinem (pre) politischen Engagement miterleben konnte.

2014 - Ich war zarte 9 Jahre alt. Das war der erste Moment, indem ich mich für Politik interessierte. Es waren Europawahlen. Ich beobachte die Parteien zu der Zeit ganz genau. Ich erkannte bereits, dass die Umwelt nicht von großen Interesse war.

Tim Gilzendegen

2017 - Wir haben März. Es stehen Landtagswahlen im Saarland an - und ich erinnere mich ganz genau. Ich erfuhr von der Plastikproblematik durch Greenpeace und dem BUND. Die Verantwortlichen - SPD und CDU - waren mir bekannt. Doch wer macht es besser? Durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen und der bpb kam ich zum ersten Mal zu einer Partei - die Grünen. Da ich nicht wählen konnte, missachtete ich kurzerhand das Prinzip, dass jeder geheim wählt und fragte meine Mutter, was sie wähle. Wir waren im Auto - bei Dillingen(wenige Kilometer entfernt von meiner Heimatstadt), neben der Dillinger Hütte(ein riesiger Stahlproduzent) - und auf meine Frage, kam die Antwort: CDU. Ich war entgeistert - warum? Die Antwort war simpel gestrickt - wohl wie wir es sind. Kohl hat damals alle Russlanddeutschen immigrieren lassen - so sind wir dankbar. 

Aber warum entschied ich mich damals so? Naja, meine Argumentation war: Die CDU ist mir zu wirtschaftsorientiert, die SPD setzte seit Jahren nicht mehr ihre versprechen um(und man konnte im Bezug auf Waffenexporte auch sehen, dass „Soziales" nicht das Thema dieser Partei war). Die FDP war mir zu elitär und die Linke etwas befremdlich. Sozial stimme ich über ein - aber mehr Kompetenz schrieb ich ihr nicht zu, was nun mal nicht meinen Prioritäten entsprach. (Ich merke an: Die Parteien des Bundestages/Landtages zog ich damals nur in Betracht. Es hätte auch jede andere politische Partei werden können, die sich für Umweltschutz engagiert) Und da blieben mir die Grünen über. Da war ich aber noch in keiner Partei und habe mich sonst auch nicht politisch engagiert. Danach kam erstmal nichts.

Doch 2017 - September - Ich verfolge im ZDF die Bundestagswahlen und das einzige was ich sehe, sind feiernde Gesichter bei den Grünen, obwohl nichts gewonnen war. 0,5% Mehr - wow. Und da ich das Thema so wichtig fand, war ich erstmal frustriert. Hat niemand Mitgefühl mit Tieren, die an Plastik versterben? Hat niemand Interesse, dass die nachfolgenden Generationen auch ohne Mikroplastik auf der Erde leben können? Anscheinend nicht. Dieses Frust behielt ich für mich. Doch das war auch ein Anfang.

Ich las Politikbücher und fing an das System verstehen zu wollen. Letztlich fand ich erst Ende 2017 heraus, dass es Jugendparteien gab.

2018 - Anfang des Jahres holte ich mir Facebook - herrje, ich hasse Facebook - und schrieb die Grüne Jugend Saar an. Im Februar zum Aktiventreffen hingegangen und den Mitgliedsantrag unterschrieben - in Saarbrücken.  Ich fand es schade, dass nichts in Saarlouis existierte und so baute ich mit 6 anderen Leuten den Kreisverband auf - und wurde Kreisverbandssprecher, mit 12. Da fing es dann an: Pressemitteilungen schreiben und auch haben wir interner mal ein veganes Grillen gemacht. Und ab da wurde ich Vegetarier. Auch nutze ich keine Plastikflaschen mehr für Wasser etc. Leitungswasser nahm ich stattdessen - und so hat mein Eintritt auch mein Privatleben verändert. Was auch gut war: Die Fahrten mit dem ÖPNV wurden bezahlt und so lasse ich mich bis heute nicht mehr fahren, sondern greife auf Bus und Bahn zurück.

Dann hat man die Europawahl geplant Mitte 2018 und dann kamen Photoshooting etc, sowie die ersten Erfolge in der Presse. Kurz davor wurde ich 13. Dazu habe ich die ersten Kontakte in der Grünenbasis in Saarlouis gemacht, da ich als Kreisverbandssprecher die Junggrünen repräsentieren sollte. Und jedem wird auffallen, wenn man betrachtet wie man noch 2018 lebte, dass sich einiges im Bewusstsein getan hat. Gleichermaßen will ich betonen: Wer ist daran Schuld? Und ich behaupte, dass sind Parteien gewesen, sowie Jugendorganisationen. Man führt Gespräche, geht in öffentliche Landtagsdiskussionen und mich mit. So kann man jeden Zeitungsbericht verändern. Zwischenzeitlich war ich zum ersten Mal auf dem Landesparteitag der Grünen anwesend, sowie habe ich meine erstes Podiumsdiskussion organisiert(ein voller Erfolg) mit anderen Jugendparteien (ein Bild bei der Pause). Aber dann, am 30.11. wurde die Gruppe zu Fridays For Future Saarland gegründet - und ich war dabei. Wir planten die Demo am 18.1.2019 - es war eine spannende Zeit. Ich kann mich erinnern: Mit der Bahn nach Saarbrücken - eine halbe Ewigkeit ein Café in der Nähe des St. Johanner Marktes gesucht. So saß ich dort mit vier Anderen und gründete Fridays For Future Saarland.

2019 - Die erste FFF Demo. Ich freu mich wie ein Ast, vor allem auf meine erste Rede - doch gleichzeitig kommt mein erster Fernsehauftritt im „aktuellen Bericht". Nach dem Demozug kamen die Redebeiträge:

Meine erste Rede. Ich habe nur vor 30-50 Personen gesprochen und keine Probleme gehabt, doch ab 2500 Menschen, da hatte ich noch meine Probleme. So schrieb ich meine Rede und trat auf das Podium. Ich hatte Vorredner*innen, z.B. die spätere Bürgermeisterin von Saarbrücken, die um einiges besser als ich waren, sowie um einiges geübter. Und ich trat auf das Podium, meine Knie schlotterten. Aber ich brachte die Rede ziemlich souverän rüber - ich hatte ein Lächeln im Gesicht - das glaubt mir keiner. Jetzt kann ich berichten: Es wird nicht meine Letzte sein. Nachdem ich dort war - war ich auf dem Neujahrsempfang der Grünen in Saarbrücken fing an mich vor viel mehr Menschen vorzustellen. Aber ab dem Februar begann dann die Wahlkampfphase. So spricht man mit Kandidaten/innen und mit der Bevölkerung - während man nebenbei bei FFF sich engagiert. 

Und das war schon eine enge Angelegenheit. FFF verstand sich schon immer als unparteiisch - und daran wollte ich gar nicht rütteln. Doch am Anfang galt man wenig willkommen, wenn man bereits im erweiterten Landesvorstand saß und KV Sprecher war. Ich habe mich bei FFF immer als Aktivist verstanden. Oder eher gesagt - bei den Grünen verstand ich mich ebenso als Aktivist. Es war schon immer so für mich - und meine Arbeit konnte sich auch sehen lassen.

Aber auch Teil des Wahlkampfes war: wasch den Anderen mal den Schädel! Ich verstehe mich als junger Mensch, der Politik machen will und der Konsequenzen will. Und so rechnete ich ab mit dem Landrat - vor einem Fernsehteam, der Saarlouiser Bevölkerung und vor einem ehemaligen 3sat Journalisten. Das war mir semi-bewusst. Ich bin ehrlich. Aber es hatte seine Wirkungen - und so machte ich mir einen kleinen, sehr kleinen Namen. Und da fiel mir auch auf: Politik ist kein Zuckerschlecken. Vor allem als (sehr) junger Mensch (gut, ich bin nicht weiblich, noch habe ich einen fremd klingenden Nachnamen, sowie bin ich nicht ein PoC, das will ich auch gar nicht mit meinen Schwierigkeiten vergleichen) wird man belächelt. Deshalb schlug ich einen Ton an - im Nachhinein etwas bösartig wohl zu werten - der ankam. Politiker*innen haben mich z.T. beleidigt, lügen verbreitet über mich oder allgemeine Lügen, die man meiner Partei zu warf und mir dann Heuchelei. Ich konnte alles entkräften. So macht man sich nicht nur Freunde/innen. 

Als nächstes kam dann etwas sehr wichtiges für mich: Meine Wahl in den Landesvorstand der Grünen Jugend Saar. Ich konnte mich endlich auch auf Landesebene unter Beweis stellen. Ich muss jetzt im nachhinein folgendes sagen: Ich bin schon ziemlich reingewachsen in die politische Schiene. Neben Artikel 13(wo ich eine Rede hielt vor geschätzten 10.000 Menschen), CSD kam dann auch etwas sehr Einprägendes.

Mit der Grünen Jugend und dem Abgeordnetenbüro der saarländischen Grünen Markus Tressel(MdB) machten wir eine Bildungsfahrt(wie sie jeder Abgeordnete macht) nach Berlin. Es prägte mich sehr - eine Großstadt mit vielen unterschiedlichen Menschen - aber auch mit Freund*innen, wo ich eine schöne Zeit erlebte und das politische Berlin mir schon einmal ansehen konnte. Und umso länger ich hier drin bin, umso eher fasziniert es mich. 

Inzwischen war ich 14.

Auch meine Freund*innen bei FFF habe ich immer noch im Kopf - die ich jetzt gegen Ende 2019 nach einem sehr anstrengenden Sommer, langsam öfter sehe. Doch davor kommt ein weiterer Step: Ein Bundeskongress. Ich erkläre kurz: Die Grüne Jugend hat einen Bundeskongress, wo jeder hin darf, der sich anmeldet. Dort wählte ich die ehemalige Sprecher der Grünen Jugend Saar(als ich Anfang 2018 anfing) zur Bundesschatzmeisterin mit und traf dort viele Persönlichkeiten wieder, die die Grüne Jugend Saar verließen(fürs Studium etc.). Auch wenn ich teils nur wenige Monate mit ihnen verbrachte, mag ich sie echt. In Gelsenkirchen letztendlich finde ich mich. In einem Grüne Jugend Saar T-Shit vor einer riesigen Photowand mit meinen Freund*innen. Und Politik definiert nicht nur Arbeit, Konsequenz und Ergebnis, sondern auch Freundschaft und der eigene Wandel. Man hat sich auch sehr verändert und profitiert von dem Meinungsaustausch. Man verbringt viel Zeit miteinander und die übereinstimmende politische Identität erhöht die Chance, dass man sich ernsthaft anfreundet. So auch bei FFF. Zuerst aber geschieht ein einschlagendes Ereignis bei mir, was die Ernsthaftigkeit der ganzen Sache und meiner Motivation bestätigt. Ich hielt zum ersten Mal auf dem Landesparteitag der Grünen eine Rede. Dabei war ich schon ein paar Mal, aber einen Antrag mit durch zu bringen, das war etwas, was Euphorie in mir auslöste. Diese Demokratie konnte auch soviel Spaß machen. Und so kannten mich schon mal alle Delegierten/innen und die Parteispitze auf einen Schlag. Am selben Tag wurde ich Mitglied der Grünen. 

Und so langsam bewegen wir uns Richtung jetzt. Eine Weihnachtsfeier mit FFF, ein Bericht zum Thema Silvester im SR und danach fuhr ich auch meine eigenen Kampagnen. 2020 -  Genügend Erfahrung sammelte ich nun und dann machte ich Themen wie: grüner Kleiner Markt etc. und mischte die Kommunalpolitik auf. Und dort mische ich bis heute gerne mit - es ist einer der politischen Ortschaften, wo man vieles in kurzer Zeit sichtbar verändern kann. Und so gehen wir in das Präsenz über. Februar Covid-19 in Europa. Ich konnte noch in der Zwischenzeit ein veganes Grillfest im August Coronakonform organisieren mit 100 Besuchern(max.) mit ausschließlich regionalen Produkten. Mein kleiner Kreisverband wuchs inzwischen auf gut 30 Mitgliedern an und so stehe ich stolz da, wie eine kleine Mamahenne(zwinkersmiley). Und ich will jedem mitgeben: Man kann für sich und sein Umfeld vieles verändern und jeder Kommune kann jede/r so Mitmischen, dass zumindest die Gedanken der Menschen sich ändern - und so auch die Politik. Inzwischen haben wir hier Schwarz-Grün im Stadtrat und manche Vorschläge von uns finden sich in der Fraktion und später auch in der Politik wieder. Alles besser als nichts machen - und gute Freunde/innen bekommt man auch noch. Win win Situation, oder? 

Ach und bevor ich es vergesse: Warum heißt der Titel so? Ganz einfach: Weil das Saarland soviele Verbrenner von allen Autos hat. Es ist kein grünes Bundesland - aber was noch nicht ist, kann sich ja noch ändern. 

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