Emilia "Milla" Fester, Kandidatin der Grünen Jugend Hamburg zur Bundestagswahl 2021

Die Lüge der Konsumkritik – Warum nur noch politische Veränderung hilft

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von Emilia "Milla" Fester
vom 23.09.2021
aktualisiert am 24.09.2021

Bambuszahnbürsten, Fairtrade-Schokolade und noch schnell ein CO2-Ausgleich bei der nächsten Busfahrt mitgekauft – letzte Woche habe ich eigentlich alles richtig gemacht und trotzdem bleibt ein mulmiges Gefühl. Überall bekommen wir Möglichkeiten an die Hand, wie wir noch nachhaltiger, noch bewusster, noch umweltfreundlicher konsumieren können. Und wer in der Nachhaltigkeitsbubble dann doch mal die Guacamole zur nächsten Party mitbringt, erntet entsetzte Blicke. Wie man es denn wagen könne, ob man nicht die CO2-Bilanz einer Avocado kenne und überhaupt, ob man die letzten Jahre unter einem Stein gelebt habe.

Jede Kaufentscheidung, jeder Urlaub, jede Bestellung ist politisch geworden – oder waren sie das vielleicht schon immer? Aber was ist dran am Mythos, wir könnten die Welt durch unsere Einkäufe und unser eigenes Verhalten verändern?

Emilia Fester

Wir kommen nicht mehr vorbei an all den Werbungen und Artikeln, die uns erklären, was denn nun wirklich die umweltfreundlichste Lösung sei – und zwei Monate später lesen wir, dass die Bambuszahnbürste doch nicht so gut abbaubar ist, wie uns das auf der WG-Party (ja, die mit der Guacamole!) erzählt wurde.

Die Kritik am individuellen Konsum hat dazu geführt, dass immer mehr Menschen sich darüber Gedanken machen, was ihre Rolle in dieser Welt ist und was ihr Verhalten eigentlich mit anderen Menschen und unserer Umwelt zu tun hat. Und ja, es ist gut, dass es immer mehr Forschung dazu gibt, wie wir uns am klimaneutralsten ernähren können. Fair-Trade-Baumwolle-Pullis erobern die Kleiderstangen und das Angebot an veganen Lebensmitteln wächst stetig. Aber diese Form der Kritik birgt auch Gefahren:

So haben schlicht nicht alle Menschen die zeitlichen und finanziellen Ressourcen, teure Öko-Mode zu kaufen oder sich durch Online-Foren zu wühlen, um herauszufinden, welche Produkte am nachhaltigsten sind – mal abgesehen davon, dass es das „perfekte“ Produkt nicht zu geben scheint. Auf all die Anforderungen zu reagieren, scheint daher vor allem für eine besserverdienende akademische Bubble möglich – und die kann nicht allein Zielgruppe einer neuen Nachhaltigkeitskultur sein. 

Und wir haben mit der Konsumkritik in den letzten Jahren ein gedankliches Monster erschaffen:

Individuen, die den Planeten zerstören – mit dem Kauf von Avocados! Mit dem Fokus auf individuelles Kauf- und Konsumverhalten bleibt im Nebel, wer maßgeblich die Zerstörung unserer Lebensgrundlage zu verantworten hat: Kohlekonzerne, umweltschädliche Großindustrien und [neoliberale] konservative Politiken, die die vorher genannten ungehemmt Profite machen lassen und Lobby-Verbänden eine offene Tür gewähren. 

Das perfide ist, dass diese Konzerne mit einem gesteigerten Nachhaltigkeitsbedürfnis in der deutschen Bevölkerung inzwischen sogar noch mehr Profite machen können, ohne die Not, etwas an ihren klimaschädlichen Produktionen zu ändern: Unsere Marktwirtschaft lässt zu, dass zum Beispiel Fleischproduzent*innen weiterhin ihre Produktion von Massentierhaltungsfleisch steigern und wenn der Absatz in Deutschland dafür sinkt, diese Ware einfach vermehrt ins Ausland zu exportieren und dort günstig zu verkaufen und so die lokalen Wirtschaftskreisläufe der ansässigen Bäuer*innen zu zerschlagen. Währenddessen kann der selbe Fleischkonzern mit seinen Gewürzmischungen vegetarische oder vegane Lebensmittel und Ersatzprodukte herstellen und für einen höheren Preis an Supermärkte verkaufen. In sofern ist es im derzeitigen Wirtschaftssystem fast kontraproduktiv auf Fleisch zu verzichten, weil es den selben Konzernen, die wir zum Umschwung bringen wollen, neue Profitmöglichkeiten bringt, die industrielle Fleischproduktion aber nur in seltenen Fällen mindert und es international neue Abhängigkeiten und Armutssituationen schafft. Schöne scheiße. 

Dem einen Riegel vor zu schieben ist schwer, denn in einer globalisierten Welt darf und muss es Handel geben.

Es ist aber klar, dass der Exportüberschuss der Bundesrepublik eingedämmt werden muss, damit wir unsere Verantwortung im internationalen Raum tragen und die alte Regel der Produktions- und Angebotsteuerung durch unsere Nachfrage wieder greifen kann. Wir brauchen eine Transformation der Handelsstruktur - hin zu einer sozial ökologischen, gemeinwohlorientierten Marktwirtschaft. 

Insgesamt kann der Status quo Angst machen: In NRW müssen immer noch ganze Dörfer dem Braunkohle-Tagebau Garzweiler weichen, in dem RWE baggert – und das, obwohl der Kohleausstieg vor 2038 passieren muss. Im Globalen Süden holen Kinder unter sklavenähnlichen Zuständen die Rohstoffe aus dem Boden, die wir in unsere Smartphones einbauen lassen. Durch Fracking wird im Ausland Erdgas für europäische Märkte aus dem Boden geholt und die lokale Wasser- und Landnutzung kontaminiert zurückgelassen. Während hunderttausende Aktivist*Innen weltweit für unsere Zukunft auf die Straße gehen, verhöhnen konservative (CDU-)Politiker Greta Thunberg und die größte Klimabewegung aller Zeiten. 

Doch die Wissenschaft ist auf unserer Seite:

Der IPCC-Bericht hat im August Verheerendes prognostiziert: Bereits 2030 soll sich die Erde um 1,5 Grad erwärmt haben. Hitzewellen, Tropenstürme, Regen- und Schneefälle, Dürren und Waldbrände – eine noch wärmere Welt wird Extremwetterereignisse verstärken, Menschen ihrer Lebensgrundlage berauben und auf Dauer unsere Gesundheit und unseren Wohlstand gefährden. 

Dass Treibhausgase, und damit die industrielle Verheizung fossiler Brennstoffe, für die Krise verantwortlich sind, lässt sich nicht länger leugnen. Ideen, wie wir mit erneuerbaren Energien unsere Industrie und unsere Wirtschaft neu aufstellen können, gibt es genug. Doch die Politik der letzten 16 Jahre hat die Klimakrise verdrängt, Wissenschaftler*Innen ignoriert und Klima-Aktivist*Innen kriminalisiert. Unsere derzeitige Wirtschaft hatte zu wenig Auflagen und klare Ziele, um der riesigen Herausforderung vor der wir gemeinsam stehen, Herrin werden zu können. Solange monetärer Profit vor der Weltrettung priorisiert, können wir die Klimawende nicht schaffen. Es ist jetzt an der Zeit für einen Shift. Und der muss auf der politischen Ebene vollzogen werden. 

Im April dieses Jahres hat das Verfassungsgericht in Karlsruhe geurteilt, dass unsere Generation ein Recht auf eine ernst gemeinte Klimapolitik hat. Die Politik der letzten 16 Jahre ist also nicht nur gefährlich – sie ist auch verfassungswidrig. Sie hat versäumt, uns und unsere Zukunft in den Mittelpunkt zu stellen. Wir möchten keine Politik mehr, die die Interessen von Kohlekonzernen und Großunternehmen vor die der Menschen stellt. Als junge Politikerin und als Teil einer globalen Klimabewegung steht auch meine eigene Zukunft auf dem Spiel.

Bis 2030 bleiben uns nicht mal mehr 10 Jahre – die Zeit, ernsthaft etwas zu verändern, ist jetzt. Und deshalb ist die kommende Bundestagswahl so entscheidend. 

Um die Klimakrise zu entschleunigen braucht es eine Politik, die die Krise als eine solche anerkennt und nicht noch mehr Raum für Konzerne schafft, die die Zerstörung unserer Umwelt vorantreiben. Wir brauchen eine Politik, die den Ausbau erneuerbarer Energien fördert und eine tiefgehende Transformation einleitet, die sozial und ökologisch verträglich ist. 

Die Bewältigung der Klimakrise ist eine Generationenaufgabe - und wir lösen sie nur gemeinsam. Die nächste Regierung muss mit sinnvollen Maßnahmen eine Welt schaffen, in dem wir alle nachhaltig konsumieren und handeln können – unabhängig von unserem Einkommen und unseren persönlichen Kapazitäten. Klimafreundliches Leben sollte allen so einfach wie möglich gemacht werden - eigentlich brauchen wir sogar Regeln, die es nicht länger erlauben sich nicht der Klimawende entsprechend zu verhalten. Wir haben nur noch so wenig Zeit.

Am 26. September wählen wir die Politiker*Innen, die uns aus der Krise führen sollen und unseren Planeten für uns alle auch in Zukunft lebenswert machen.

Lasst uns unsere Stimmen erheben, damit wir eine Regierung bekommen, die uns und unsere Zukunft vertritt. Denn am Ende profitieren wir alle – von einer Welt mit grünen Städten und Dörfern und mit einer Politik, die alle mitnimmt.

Titelbild: Emilia "Milla" Fester, Kandidatin der Grünen Jugend Hamburg zur Bundestagswahl 2021

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