Tierprodukte oder Pflanzenkost?  - Quelle pixabay

Die Zukunft is(s)t vegan - so oder so...

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von Tim Werner
vom 19.08.2020

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Storyteller Tim Werner hört häufig den Satz „Ich werde niemals auf mein Fleisch verzichten. Das lasse ich mir nicht nehmen!“. Darauf antwortet er in dieser Story.

[Lesezeit: 10 Minuten]

Liebe Mitmenschen,

als Veganer, der im Straßenaktivismus regelmäßig mit Normalbürgern über unser Ernährungssystem spricht, höre ich relativ häufig den Satz: „Ich werde niemals auf mein Fleisch verzichten. Das lasse ich mir nicht nehmen!“

Aber was bedeutet eine solche Entscheidung eigentlich, außer dass die Essgewohnheiten dieser Menschen unverändert bleiben können…?

Nun, wenn wir partout nicht aufhören wollen Fleisch und andere Tierprodukte zu essen, dann müssen wir weiterhin jedes Jahr 70 Milliarden Säugetiere und Vögel schlachten und zusätzlich so gigantisch viele Fische, dass wir sie nicht einmal mehr zählen können. Und weil es attraktiv und erstrebenswert erscheint Tierprodukte zu essen wollen auch immer mehr Menschen aus ärmeren Ländern immer mehr Fleisch essen. Also ist die Tendenz steigend.

All diese Tiere sind Lebewesen wie ich und du. Sie empfinden Freude und Leid, Liebe und Trauer genau wie wir. Aber 98% aller Nutztiere sind gebrochene Seelen in der Hölle der modernen Massentierhaltung und der winzige Rest in „Biohaltung“ hat vielleicht etwas mehr Platz und etwas besseres Futter, hat es vielleicht „etwas weniger schlecht“ – aber sterben müssen sie alle.

Gefangen und zusammen gepfercht zu Tausenden pro Tierfabrik, permanentem Lärm, Enge, Stress und dem Gestank der eigenen Exkremente ausgesetzt, sind sie ein Leben lang abgeschnitten von Sonnenlicht und Frischluft und von Mutter Natur. Sie werden von physischen und psychischen Schmerzen gequält, von Antibiotika gerade lange genug am Leben gehalten, um das Schlachtgewicht zu erreichen, und müssen miterleben, wie Artgenossen um sie herum verrecken und verwesen.

In permanenter Todesangst, als bloße Nummer zu anonymer Bedeutungslosigkeit verdammt, werden die sogenannten Nutztiere von uns Menschen gezwungen auf die wohl unwürdigste Art der Welt ihr Leben zu fristen und am Ende dieser Qualen nehmen wir all diesen Lebewesen mit Gewalt das einzige was sie jemals wirklich besaßen: Ihr natürliches Recht auf Leben.

Und das alles ohne Grund! Weder brauchen wir ihr Fleisch zum Überleben, noch müssen wir uns gegen sie verteidigen. Keine einzige dieser armen Seelen hat uns je etwas getan. Sie alle sind völlig unschuldig und werden von uns versklavt, gefangen gehalten, verstümmelt, gefoltert und ermordet.

Und diese Ermordeten erhalten nicht etwa eine würdevolle Beerdigung... im Gegenteil. Wir zerstückeln ihre toten Körper, halten sie übers Feuer, zerkauen und verdauen sie und spülen sie am Ende das Klo runter.

Alles bloß, um sie als Gewürzträger kurz über unsere Zunge zu leiten...

„Weil‘s schmeckt“ ist die wohl häufigste Antwort auf die Frage „Warum isst du noch Fleisch?“

Kann dieses kurze Geschmackserlebnis wirklich Grund genug sein tagtäglich Unschuldige umzubringen, die nichts weiter wollen, als in Frieden zu leben?! Und soll das wirklich immer so weiter gehen?

Doch wir Menschen machen bei den Nutztieren nicht halt!

Weil wir so viele Nutztiere mästen, müssen wir riesige Mengen Tierfutter anbauen und Viehweiden anlegen. Und den Platz dafür schaffen wir, indem wir die artenreichsten Regionen unseres Planeten niederbrennen – derzeit rund 800 Fußballfelder pro Stunde – ebenfalls Tendenz steigend.

Dabei verbrennen Wildtiere nicht nur bei lebendigem Leib, sondern wir zerstören damit auch nachhaltig ihre natürlichen Lebensräume, so dass wilde Populationen keine Chance haben sich zu erholen. Selbst menschliche Ureinwohner vertreiben wir von ihrem Land, um es in Sojaplantagen zu verwandeln - nicht selten mit Gewalt.

Die gigantischen lebensfeindlichen Monokulturen von Nutztierfutter besprühen wir - teilweise aus Flugzeugen, so groß sind die Flächen! - mit unzähligen Giften und töten auch noch die letzten Überlebenden. Und auch die abgefressenen, platt getrampelten, staubigen und vollgeschissenen Viehweiden sind alles andere als grüne Oasen des Lebens.

Schon heute sind nur noch 4% der Biomasse aller Landsäugetiere freie Wildtiere, der Rest steht unter der Gewaltherrschaft des Menschen. 70% aller Vögel weltweit werden in menschlicher Gefangenschaft ausgebeutet und fast 80% aller Fischbestände sind überfischt, gefährdet oder vom Aussterben bedroht.

Wir verfüttern an unser Nutzvieh so viel unserer Ernten, dass wir dafür sogar 11% der Menschheit - 820 Millionen Menschen! - hungern lassen.

Die Tierprodukteindustrie frisst nicht nur Tag für Tag mehr Seelen, Urwälder und Ökosysteme, sondern sie ist auch der größte Faktor für die globale Erhitzung, die Wasserverschwendung, die Bodenverseuchung, die Luftverschmutzung und die Todeszonen in den Ozeanen.

Unsere Gier nach Tierprodukten ist damit die Hauptursache für die Klima- und Umweltkatastrophe, die unseren wundervollen blauen Planeten gerade vor unseren Augen zu einem unbewohnbaren kochenden Höllenplaneten verwandelt.

Und zu allem Überfluss schaden wir mit alledem auch direkt unserer Gesundheit.

Menschen, die ihre Hände zu unwürdigen Bedingungen und bei miserabler Bezahlung in unserem Auftrag mit Blut tränken, leiden in aller Regel an posttraumatischen Belastungsstörungen, Alkohol- und Drogensucht und weisen eine der höchsten Selbstmordraten auf.

Der Konsum von Fleisch und anderen Tierprodukten erhöht drastisch das Risiko an Zivilisationskrankheiten zu erkranken, unser verschwenderischer Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung erschafft tödliche multiresistente Keime, und unser massenhafter mit Exkrementen und Blut getränkter Umgang mit Tieren und das permanente Vordringen in die Wildnis erhöhen drastisch das Risiko, immer neuer Zoonosen und Pandemien.

Ja, wenn wir mit diesem Massenmord an unseren Mitgeschöpfen und der damit einhergehenden Massenzerstörung von Natur und Mitwelt nicht aufhören wollen, dann zerstören wir unsere Gesundheit und vernichten unwiederbringlich unsere Lebensgrundlagen.

Und ohne diese Lebensgrundlagen werden wir ganz einfach aussterben.

Aber Aussterben geht nicht so ‚ganz einfach‘... es dauert seine Zeit und macht nicht wirklich Spaß.

So werden Dürren und Hitzewellen, Extremwetterlagen und die Ausrottung der bestäubenden Insekten immer mehr Ernteausfälle verursachen und wir werden langsam und qualvoll verdursten und verhungern.

Früher oder später werden wir alle zu Klimaflüchtlingen werden und höchstwahrscheinlich blutige Kriege um die letzten Ressourcen und die letzten noch bewohnbaren Fleckchen Erde führen.

Und dabei werden wir nahezu alles andere Leben mit uns in den Tod reißen - Fauna und Flora - und die Welt auf Jahrhunderte unbewohnbar machen.

Wir Menschen – und vornehmlich wir Menschen in den reichen Industrienationen mit unserem übermäßigen Tierproduktekonsum – haben die ganze Erde in wenigen Jahrzehnten in eine gigantische Massenvernichtungsmaschine verwandelt und sind zu blind es zu realisieren - das Ganze nennen wir stolz das ‚Anthropozän‘ - das Zeitalter des Menschen.

Das Massensterben von uns gezüchteten Lebens, das Massensterben menschlichen Lebens, das Massensterben wilden und freien Lebens sowie das Massensterben pflanzlichen Lebens verbinden sich zum größten und rasantesten Massensterben aller Zeiten – und der Mensch trägt mit seiner Gier nach Fleisch und anderen Tierprodukten die alleinige Verantwortung.

Keine andere Spezies mordet zum Vergnügen und in solch gigantischem Ausmaß – einem Ausmaß, das bis hin zum systematischen Selbstmord reicht. Die Menschheit ist damit die mit Abstand grausamste und schrecklichste Bestie auf diesem Planeten.

Ironischerweise ist die Menschheit einerseits zwar so schlau zu erkennen, was sie alles falsch macht - das Wissen ist da, seit Jahrzehnten! – andererseits ist sie gleichzeitig so dumm trotzdem nichts daran zu ändern.

Was genau hindert uns eigentlich daran endlich mit dieser (Selbst-)zerstörung aufzuhören?

Ist es allein der Geschmack? Ist es das Geld?

Sind wir als Spezies zu blind zu erkennen, dass wir Geschmack und Geld nicht mit ins Grab nehmen können?

Aber was wäre, wenn wir es schaffen damit aufzuhören?

Wenn wir das Töten beenden, das Brandroden beenden, die Wasserverschwendung, die Vergiftung, die Ausbeutung und die massenhafte Vernichtung...? Wenn wir aus unseren Fehlern lernten und es endlich besser machten?

Ja, es würde zunächst einmal bedeuten, dass wir ab sofort kein Fleisch mehr essen können und keinen Käse, keine Spiegeleier mit Speck, und keinen Milchkaffee. Ein verdammt hoher Preis, oder…?

Doch diesen Preis zahlen wir zwangsläufig sowieso, denn wenn wir Klima und Umwelt weiter zerstören, werden wir bald schon nicht mehr in der Lage sein, Tiere zu mästen während wir selbst verhungern.

Es ist einfach höchst ineffizient 10kg Pflanzenkost einzusetzen, um daraus 1kg Fleisch und 9kg Gülle, Schlachtabfälle und Treibhausgase zu machen. Unser langes und qualvolles Aussterben wird definitiv nicht mit einem täglichen saftigen Steak auf dem Teller und einem Latte Macchiato stattfinden…

Der „Preis“, den wir zahlen würden, bestünde also eigentlich bloß in der Differenz zwischen „sofort freiwillig damit aufhören“ und „in ein paar Jahrzehnten von der Natur zum Aufhören gezwungen werden.“

Ein freiwilliges Ende der Tierprodukteindustrie JETZT und eine planvolle Transformation unseres Ernährungssystems würde uns dahingegen fantastische Möglichkeiten eröffnen!

Wir müssten keine Urwälder mehr roden - im Gegenteil. Wir hätten 75% der heutigen Agrarflächen plötzlich frei, weil wir alle Menschen - auch die heute noch hungernden - mit 1/4 der Fläche satt bekämen, auf der dann gesundes Obst und Gemüse angebaut würde. Dies würde unser Ernährungssystem widerstandsfähiger für Ernteausfälle machen und drastisch die Versorgungssicherheit erhöhen.

Wir könnten die damit freigesetzten Flächen – insgesamt so groß wie ganz Afrika - aufforsten und neue Wälder pflanzen, neue Lebensräume für die Rückkehr der Wildtiere und die Stärkung der Biodiversität. Wir würden die ausgebrannten Urwälder, die vergifteten Felder, und die zertrampelten Weiden wieder verwandeln in Oasen des Lebens.

Die neuen Wälder könnten CO2 binden und die globale Erhitzung bremsen, den Wasserkreislauf wieder ankurbeln und das Ökosystem wieder ins Gleichgewicht bringen.

Wir würden ein neues Wertesystem schaffen, in dem es um die Erhaltung des Lebens geht, statt um seine möglichst effiziente und profitable Vernichtung. Und das würde uns gesünder und bewusster, mitfühlender und friedvoller machen. Selbst Diskriminierung und Ungerechtigkeit sowie das Potential gewaltsamer Auseinandersetzungen würden damit auf ein Minimum reduziert.

Vielleicht können wir uns mit alledem sogar genug Zeit verschaffen die Energie- und die Möbilitätswende zu schaffen, denn die neuen Infrastrukturen dafür bauen sich ja nicht über Nacht…

Wir könnten mit dieser Maßnahme tatsächlich den Grundstein schaffen für unser Überleben.

Unsere Kinder und Kindeskinder könnten überleben, unsere Mitgeschöpfe und alles Leben auf diesem Planeten könnte überleben - Was für ein Gewinn!

Und das Beste daran ist, dass wir dennoch einen leckeren Geschmack auf der Zunge hätten - nur eben ... einen anderen. Ja, wir könnten sogar weiter den Geschmack von Fleisch, Spiegeleiern und Milchkaffee genießen, nur würden diese Dinge aus Pflanzen hergestellt statt aus Tieren.

Eine Agrarwende hin zu einer pflanzenbasierten Ernährung ist die einfachste, effektivste und unmittelbarste Klima- und Umweltschutzmaßnahme. Sie ist von allen denkbaren Maßnahmen die wichtigste und elementarste, denn sie reduziert drastisch unsere zerstörerischsten Handlungen, es müssen dafür keine so aufwändigen Infrastrukturen geschaffen werden wie für die Energie- und Mobilitätswende und sie ist der einzige Wandel, welcher imstande ist die dringend benötigten Flächen für die Aufforstung der Welt freizugeben.

Was können wir – Du und ich – dafür tun, diese Agrarwende in die Tat umzusetzen und unser Überleben auf diesem Planeten zu sichern? Was genau können wir überhaupt tun, während Politik und Konzerne an den alten verkrusteten Strukturen festhalten – sich an den Profit klammern statt für das (Über-)Leben zu sorgen?

Das Einzige was wir tun müssen ist zu realisieren, dass es nicht ewig so weiter gehen kann, dass der geliebte Geschmack auch ohne Gewalt und Zerstörung zu bekommen ist und dass Überleben wichtiger ist als das Festhalten an alten Gewohnheiten. Gewohnheiten, die eindrucksvoll bewiesen haben, dass sie uns an den Rand des Aussterbens bringen.

Mit dieser Erkenntnis gilt es drei Dinge zu tun:

- Politiker*innen wählen, die bereit sind die Agrarwende einzuläuten und die Transformation des Ernährungssystems durch Gesetze voranzutreiben.

- Mitmenschen darüber informieren, dass nur ein pflanzenbasiertes Ernähungssystem zukunftsfähig ist.

und vor allen Dingen

- Als Endverbraucher der Tierprodukteindustrie das Kapital entziehen, indem wir Tierprodukte konsequent boykottieren und die Nachfrage nach regionaler, saisonaler und biologisch angebauter Pflanzenkost erhöhen.

Das geht schon mit der nächsten Mahlzeit!

Denn wenn sie kein Geld mehr damit verdienen, macht es keinen Sinn mehr die Zukunft zu verramschen.

Der Knackpunkt, an dem der Teufelskreis durchbrochen werden kann liegt auf unseren Tellern – auch auf Deinem.

Die Zukunft isst vegan. So oder so. Wir haben die Wahl. Je eher wir beginnen, desto größer sind unsere Überlebenschancen und je länger wir zögern, desto schneller vernichten wir uns selbst.

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