Du bist auf's Auto angewiesen?

SS

von Stephanie Sehmisch
vom 8.07.2021
aktualisiert am 12.07.2021

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Du armer Mensch. In einer Großstadt wie Hamburg bist du auf ein Auto angewiesen. Und dabei hast du es besonders schwer. Wenn irgendwo ein Radweg gebaut wird, wird dir Platz weggenommen. Wenn Ladesäulen entstehen, wird dir Platz weggenommen. Wenn Straßen so umgebaut werden, dass du dein Auto nicht mehr so parken kannst, wie du es schon vorher eigentlich nicht gedurft hättest, wird dir Platz weggenommen.

Du planst auf deinem Arbeitsweg extra mehr Zeit für die Parkplatzsuche ein - so schlecht ist es um das Autofahren in Hamburg bestellt.

Scheint doch wirklich so, als hättest du außer dem Auto fast keine Möglichkeit, von A nach B zu kommen.

Das ist deine Sicht der Dinge.

Meine schaut so aus: Es gibt einen gut ausgebauten Nahverkehr und mehr oder weniger gute Radwege. Der Nahverkehr höchstens zu teuer. Hamburg ist sogar Spitzenreiter. Nichts, womit man sich schmücken kann. Und nicht optimal, was die Verkehrswende betrifft. Denn Radfahrer sind hier nicht immer erwünscht.

Radwege sind da, aber da geht mehr. Und es geht sicherer.

Ich war selbst über 15 Jahre Autofahrer. Für meinen Arbeitsweg mit einer Strecke von über 30km zur Arbeit. Man könnte hier natürlich abwägen, ob ein Umzug dann nicht sinnvoller wäre, aber bei einem Weg von 25 bis 35 Minuten denkt man eben nicht darüber nach, wenn ansonsten alles in HH stattfindet. Gabz zu Anfang habe ich die Strecke mit den Öffis ausprobiert. Eine Woche lang, denn ich hatte noch keinen Führerschein. Es hat 2 Stunden gedauert - für einen Weg. Weil es zwar eine Bahnstrecke samt Bahnhof gibt, letzterer aber stillgelegt ist. Nur zu den Feiertagen fährt die alte Dampflok.

So habe ich mir ein kleines Auto angeschafft, dass natürlich seinen Dienst getan hat, aber auch viel rumstand. Wie die meisten seiner Artgenossen. Zuletzt stand die Frage im Raum: Weiterhin Reparaturkosten oder ein neues Auto?

Aber mit den Jahren wurde der Verkehr auch deutlich mehr. Dazu vermehrt Großbaustellen, die Nadelöhre haben entstehen lassen und somit Zeit gefressen haben. Sehr deutlich wurde es dann auf einem Stück des Weges kurz vor meinem Zuhause. Von einer Kreuzung zur nächsten war ich genauso schnell wie ein Papa mit seinem kleinen Sohn. Die beiden waren zu Fuß unterwegs. Das war die Kirsche auf meinem Sahnehäubchen der Genervtheit.

Also habe ich mich damit beschäftigt, wie ich die Strecke anders bewältigen kann.

Gab es vielleicht mittlerweile andere Verbindungen? Wie lange dauert das? Muss ich umsteigen, was wieder mehr Zeit frisst? Kann man Bahn und Rad irgendwie kombinieren, obwohl es die Sperrzeit für Räder gibt?

Aber siehe da, es gab neue Möglichkeiten.

Mittlerweile haben sich nämlich e-Bikes etabliert und eröffnen neue Möglichkeiten. Denn ich habe feste Arbeitszeiten und muss am Deich entlang. Das kann mitunter auch mal etwas windiger werden. Da ich zwar sehr gerne und auch gerne weit fahre - aber eben nicht besonders schnell, war mir klar, dass es unter diesen Bedingungen nicht ohne Unterstützung geht.

Also fahre ich nun Rad und Bahn. Da ich zu den Sperrzeiten fahre, musste es ein Klapprad sein.

Insgesamt bin ich mit dieser Kombi sehr zufrieden. Ich kann direkt zur Bahn fahren, klappe mein Rad zusammen, fahre an den Rand von Hamburg und genieße dann eine Strecke über Dörfer und an Feldern vorbei und am Deich entlang. Auch wenn ich morgens früher los muss, am Nachmittag bin ich kaum länger als mit dem Auto unterwegs.

Gerade im Winter habe ich viel mehr vom Tag, denn die kurze Zeit, die es nach Feierabend noch hell ist, bin ich draußen an der frischen Luft unterwegs. Um zu wenig Bewegung mache ich mir keine Gedanken mehr.

Früher saß ich immer nur. Ich saß im Auto, ich saß auf Arbeit. Ich saß wieder im Auto.

Nun sitze ich auch, habe dabei aber Bewegung. Und in der Bahn kann man wunderbar Dinge erledigen.

Nun willst du mir erzählen, du seist auf dein Auto angewiesen. Ach, du wohnst in Hamburg und arbeitest auch hier? Mmh. Dann zweifle ich doch sehr daran. Ich denke, du machst dir keine Gedanken, wie es anders gehen könnte. Vielleicht bist du auch zu bequem? Ach so, du fährst 4 mal im Jahr zu Mutti auf's Land? Ja, da brauch man natürlich unbedingt ein eigenes Auto. Leihwagen sind keine Option für dich.

Ich stimme dir zu: Für die Verkehrswende brauchen wir bessere Car Sharing Angebote, auch mal über Stadtgrenzen hinweg. Und einen flächendeckenden Freifunk, damit auch jeder Sharing nutzen kann. Oder Fahrradwagen in den S-Bahnen ohne Sperrzeiten, denn die Fahrt beginnt und endet selten an einer Bahnstation. Der Schienenverkehr muss ausgebaut werden. Und Autos sollten nicht überall geduldet werden, wo sie Gehwege, Fußgängerfurten und Kreuzungen zuparken, auf Radwegen nur kurz halten oder Grünstreifen zerstören.

Aber fang trotzdem bei dir selber an: Sei nicht nur bequem. Und genieße dabei die frische Luft...oder lass dich chauffieren. ;-)

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Vor einigen Tagen konnte ich mich endlich wieder mit meiner alten Schulfreundin, Birgit, in einem kleinen Café draußen treffen, „Corona“ hat es erlaubt… Nachdem wir eine Zeit lang in unseren Erinnerungen geschwelgt hatten, bei denen klassischerweise auch einige Jugendlieben, ehemalige Lehrkräfte und na ja, auch so zwei bis drei Schulstreiche herhalten mussten, wurde meine Freundin plötzlich ganz nachdenklich, zog eine strenge Miene auf und sagte zu mir: „Alles schön und gut mit den alten Zeiten, doch stell‘ dir mal vor, was sich meine Mutter mit ihren fast 95 Jahren noch so leistet. Sie hat sich einen Hausfreund angelacht und nennt ihn liebevoll „Friederich“. „Friederich hier, Friederich da“. Ab 7.00 morgens erwartet sie ihn und dann wieder so gegen 19.00.  Ich nenne ihren „Friederich“ ganz unflätig „Happhapp“, denn er kommt nur zum Essen und ist auch noch sehr wählerisch, „leksch“ würde ich sagen. Noch schlimmer. Er hat eine Frau und offensichtlich gibt es auch Nachwuchs. Manchmal bringt er sie sogar mit und Mutter muss sich das alles angucken.“ Als Birgit meine erstaunte bis entsetzte Reaktion sah, fing sie an zu lachen und sagte: „Friedrich ist ein wunderschön gefärbter Erpel, der regelmäßig meine Mutter auf der Terrasse besucht und dann am liebsten geschälte Erdnüsse und das liebevoll von ihr gewürfelte Brot frisst.“ Dann lachten wir beide. Doch warum blickte Birgit erneut ernst drein? „Weißt Du, ich hab‘ das zwar alles als Witz erzählt, doch in Wirklichkeit finde ich das gar nicht so witzig. Ich meine nicht, dass es von Biologen und Umweltschützern nicht besonders „gerne gesehen wird“, wenn Enten mit Brot gefüttert werden, nein. Ich habe die Freude, vor allem Vorfreude meiner Mutter wahrgenommen, wenn sie mich regelmäßig anrief und begeistert erzählte, dass sie noch vor dem Frühstück auf die Terrasse ging, um „Friederich“ zu füttern und ihn dann auch sehnsüchtig am Abend wieder erwartete. Als er ihr in die Küche folgen wollte, versuchte sie, noch schnell die Terassentür zu schließen und traf dabei „Friedrichs“ Schwimmfuß. Er humpelte und Mutter war stundenlang ganz traurig und sehr besorgt um das Tier. Für mich war es eine Freude zu sehen, wie die „alte Dame“ mit diesem kleinen Entengeschenk  auflebte und die Lebensfreude nur so in ihren Augen blitzte. Schließlich kam auch mal heraus, dass sie gar nicht mehr so recht etwas mit ihrer Zeit anzufangen wisse, wenn die „Entensaison“ vorbei sei. Das gab mir zu denken. Doch die Freizeitgestaltung hat sich zum Glück schnell erledigt. Sie strickt nun wieder Socken für karitative Zwecke. So weit so gut.“ Birgit machte eine Redepause und wunderte sich wahrscheinlich, dass ich nicht gelangweilt aussah, sondern offensichtlich noch mehr erwartete. Da musste doch noch was kommen. Sie ließ die Katze aus dem Sack: „Was mir in diesem „Entensommer“ aufgegangen ist und ein flaues Gefühl im Magen verursacht? Mir kam der trübe Gedanke, was ist, wenn dieser „Entensommer“, für meine Mutter nicht nur ihr Highlight, sondern ihr letzter Sommer war und wir in diesem Jahr das letzte oder eines der letzten schönen gemeinsamen Jahre miteinander hatten?“ Darauf wusste ich erst nichts zu sagen, brachte dann aber heraus: „Dann hast Du das schöne Gefühl, das deine Mutter noch mal so richtig glücklich war.“ Birgit hat die Botschaft verstanden und lächelte.

Von Dr. Christiane Högermann · 14.07.2021
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