Ein Supermarkt

experimentelles Einkaufen – Regeln – Munddingsdas

H

Von Hilde
12.04.2020

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unächst, es ist -hoffentlich- bekannt, dass Autisten Regeln brauchen. Verständliche und nachvollziehbare, logische, Regeln. Es ist -hoffentlich- allerdings auch bekannt, dass es autistische Routinen gibt, die ebenfalls essentiell sind für viele Autisten, so für mich.

Momentan sind sämtliche gewohnte Regeln und Routinen ‚zerschossen‘. Nicht nur für Autisten, für alle.

Nur, der Normalbürger findet sich damit irgendwie ab und strukturiert sein Leben neu, so wie es den aktuell geltenden Regeln und Notwendigkeiten angemessen ist. Das tut der Autist auch, nur dauert es ungleich länger, sich gewohnte und angenehme Routinen zu erarbeiten, den Tagesablauf anders zu strukturieren.

Dazu sei allerdings auch gesagt, das habe ich in den letzten Wochen bei sehr vielen Autisten lesen können: ‚Willkommen in meinem Leben! Es ist bemerkenswert, dass das, was ich tagtäglich lebe, tatsächlich Quarantäne heißt!‘ – Viele Autisten haben mit den neuen Regeln des ‚Kontaktverbots‘, des ’social distancing‘ tatsächlich keine Probleme, weil es ’normal‘ ist! Also für viele Autisten, so auch für uns. Interessant ist, dass der Normalbürger in vielen Fällen damit ein echtes Problem hat.

Was mich schockiert, wie viele Menschen sich nicht an diese so wichtigen und teilweise lebensnotwendigen Regeln halten.

Beim Einkaufen darf man den Laden nur noch betreten, wenn man einen Einkaufswagen hat, pro Person, auch wenn es um EINE Familie handelt, die, wenn überhaupt, nur einen Einkaufswagen benötigt! Man nimmt Abstand, Leute, die sich noch nie gesehen, gesprochen, haben, grinsen sich an, lassen anderen den Vortritt, es wird gescherzt und gegrinst. Man geht in der Tat freundlicher mit einander um, wenn da nicht die unrühmlichen Ausnahmen wären, die jetzt noch deutlicher auffallen. Die mit ihren Einkaufswagen durch die Läden ’schießen‘, koste es was es wolle, ohne Rücksicht auf andere und man kann nur vermuten, welcher Teufel sie treibt (RW!).

Oder die Leute, die einfach nicht verstehen, was es bedeutet, dass ‚isoliert lebende Wohngemeinschaften nicht vermischt werden sollen, um das Infektionsrisiko zu minimieren‘. = in unserer direkten Nachbarschaft zählt das nicht. Da kommen Freundinnen, bzw. Familienangehörige, man ‚feiert‘ auf dem Balkon, man schläft dort, wo man nicht schlafen sollte, also dort wo man zu BESUCH ist. Normal kein Problem, aber jetzt??? Und wenn man die Wohnungsbesitzer darauf hinweist, ja ich war so blöd und habe es einmal gemacht, bekommt man den imaginären Stinkefinger. Wird angepampt und in allen social Medias blockiert. Well, so habe ich wenigstens meine Ruhe, zumindest dort, nur nicht hier im Haus.

Nur mal so, die Wohnungsbesitzerin gerhört zum gefährdeten Personenkreis qua Grunderkrankung, der schwerst behinderte Sohn ebenfalls…

Was ist an einfachsten Regeln nicht zu verstehen?

Und manchmal in den letzten Tagen habe ich gedacht, dass der Gesetzgeber derlei Dinge in einfachster Sprache formulieren sollte, am besten noch in Piktogrammen, so dass es auch dann hoffentlich jeder versteht, denn nicht nur diese Familie ist somit potentiell gefährdet, sondern theoretisch die komplette Hausgemeinschaft.

Dann zu meinem experimentellen Einkauf…. *tillt*

Einkaufen an sich ist inzwischen für mich eine Routine, denn ich bin nun mal die, die zuhause ist, kocht, und somit für die Besorgungen zuständig ist. Ist blöd, aber nicht zu ändern, denn ich sehe es überhaupt nicht ein, samstags meinen riesigen Fahradanhänger anzuspannen und mich dann mit meinem Mann zum Einkaufen zu quälen. Quälen deswegen: das Ding ist verdammt schwer und nur an meinem Fahrrad montiert, ja könnte man ändern, aber es gehört nun mal mir. Regeln und so… Und ein kompletter Wocheneinkauf übersteigt momentan tatsächlich meine Kräfte. Physisch wie psychisch.

Ich nähe seit einem Aufruf der hiesigen Apotheke diese Mundschutz Dinger, ich nenne sie nach der Abmahnwelle nur noch Dingsdas, weise explizit darauf hin, dass sie keinerlei Schutz vor irgendeinem Virus bieten, dafür aber vor der feuchten Aussprache von vielen, die noch immer viel zu nahe kommen, sowie auch vor möglichen Infektionen, die man selbst verteilen könnte. Und, ich weise darauf hin, dass sie eben aus Baumwolle sind und schnell durchgeatmet sind…. Außerdem sind sie idR knallbunt, denn ich weigere mich ‚weiß‘ zu nähen.

Irgendwann dachte ich mir, dass ich mir doch auch mal einen nähen könnte, denn theoretisch gehöre ich auch zum gefährdeten Personenkreis, möchte mich abgrenzen, möchte Abstand (und überhaupt: Respekt, Verständnis, Toleranz… etc pp). Da ich noch einen Aufnäher hatte von einer bekannten Gruppe, nicht mein Genre, mir aber der Begriff/Name so gut gefällt ‚Nirvana‘, sowie der Smiley darauf meinem allgemeinen Empfinden, wenn ich in soziale Interaktionen gehe, entspricht, habe ich ihn mitten drauf platziert. Gewagt habe ich es allerdings erst zwei Mal, das Dingsda zu tragen. Meine Erfahrungen waren… unschön. Und ja, das Ding ist tatsächlich sehr auffällig, nur warum nicht auch einen Witz daraus machen, bzw. damit verbinden??

Beim ersten Mal dachte ich mir ok, das probierst Du jetzt einfach mal aus‘, pappte mir das Teil vor mein Gesicht (ungewohnt aber nicht unangenehm, man kann wirklich gut atmen. UND man fasst sich deutlich weniger ins Gesicht) und betrat den Drogeriemarkt hier im Dorf.

Als erstes lief mir eine junge Frau über den Weg, keinen Mindestabstand einhaltend, die nur meinte ‚Ach Gottchen‘ und Kopf schüttelnd den Laden verließ. Die nächste Begebenheit war eine Frau in meinem Alter, die kopfschüttelnd mit den Augen rollte, ansonsten gab es freundliches Grinsen, ich habe versucht mein eigenes Grinsen nach außen zu transportieren und bekam es wohl scheinbar hin, überwiegender Weise gab es fragende Blicke und ‚freundliches Desinteresse‘, was ja so verkehrt auch nicht ist.

Eben war ich in einem Discounter, joa, ich habe Toilettenpapier bekommen *grins*, sah, dass andere Kunden auch vollkommen unverkrampft ihre Dingsdas trugen und dachte mir ‚ok, gute Idee‘. Da mich das Einkaufen heute sehr angestrengt hat, habe ich nur in Ansätzen beobachtet wie die Reaktion der Leute war. Aufgefallen ist mir, wie ein Junge, geschätzt 10, mich vollkommen entsetzt angesehen hat *rofl*, ansonsten wieder: Abwehr. Liegt es an meinem Mundschutz? Liegt es an Mir selbst? Ich habe inzwischen andere genäht, ohne den Sticker vorne drauf, ich werde ausprobieren, wie dann die Reaktionen sind.

Auffallend ist, dass die sonst vorherrschende Freundlichkeit weg ist! = Wenn man mit einem Dingsda vor die Tür geht, scheint man nicht mehr als Person wahrgenommen zu werden, der man nicht den Mindestabstand zugestehen muss, noch Freundlichkeit, die man über den sprichwörtlichen Haufen laufen darf, der man mit Ablehnung begegnen darf.

Was mir klar geworden ist in den letzten Wochen: – ich brauche immer länger, gewohnte Routinen aufzubauen. Dieses Mal hat es mich sagenhafte 3 Wochen gekostet. – wenn mich ein Thema anspricht, ich denn Sinn sehe, es verdammt richtig finde >> kann ich unglaublich spontan sein (Munddingsdas nähen, bei 200 habe ich im übrigen aufgehört zu zählen. Und nein, ich verkaufe nicht, oder wenn, dann nicht gegen Geld. Ein Zahlungsmittel war schon Toilettenpapier. Und nein, ich schreibe das nicht um mich zu brüsten, was mir auch schon vorgeworfen wurde, diese Munddingsdas sind binnen kürzester Zeit zu einem SI* geworden) – die Leute sind unglaublich freundlich geworden, man nimmt Rücksicht, spricht mit wildfremden Menschen – ABER: die Leute sind noch intoleranter als vor Covid-19, was ich kaum für möglich gehalten hätte.

Ich frage mich immer wieder, was wohl passieren würde, wenn ich meinen Autismus, wenn ich ‚da draußen‘ unterwegs bin ‚von der Leine lassen‘ würde?! Würde man einen RTW rufen, der mich in einer dieser ’schicken‘ weißen Jacken ins nächste Irrenhaus transportiert?? Anzunehmen ist das.

Menschen sind sonderbar.

Begriffserklärung:

'SI' bedeutet Spezialinteresse. Viele Autisten haben SIs, bei den einen ist es das Fotografieren, bei anderen das Schreiben, wieder andere lieben (tatsächlich) Mathematik, Chemie, Physik. Bei mir ist es u.a. das Nähen.

Dies ist ein Blogtext von mir.

" Interessant ist, dass der Normalbürger in vielen Fällen damit ein echtes Problem hat. "

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