Sarah Heim

Finanzpolitik für alle: Divestment, Green Finance & Impact Investing

SH

von Sarah Heim
vom 30.11.2020
aktualisiert am 14.06.2021

59

Immer wieder höre ich in meinem Umfeld den Satz „Über Geld redet man nicht“. Oder von anderen jungen Menschen und v.a. von Frauen „Von Finanzen habe ich keine Ahnung, das ist mir zu kompliziert.“

Wieso denken wir im Jahr 2020 eigentlich noch so über Finanzen?

Inzwischen stehen uns durch Wikipedia & co alle möglichen Infos in zwei Klicks zur Verfügung. Auf Social Media bekommen wir krasse Einblicke in das Privatleben der Leute. Und über Matches auf Dating Plattformen treffen wir uns vertrauensvoll mit Fremden. Lasst uns also bitte auch über Geld reden!

Finanzen von Nachhaltigkeit wegzudenken ist wie den Schienenausbau für die Verkehrswende zu vergessen: ohne das erste gelingt das zweite nicht. Wir dürfen Gelder nur noch in ökologische und menschenwürdige Unternehmen und Projekte investieren. Ohne eine Finanzwende einzuläuten können wir die Klimakrise nicht ausbremsen. Dazu müssen wir die politischen Rahmenbedingungen ändern. Und dafür braucht es uns alle: um Druck auf Entscheidungsträger*innen zu machen.

Sarah Heim, Landessprecherin Grüne Jugend Baden-Württemberg

So richtig in Kontakt mit Finanzpolitik kam ich zum ersten Mal an meiner Uni in Kanada vor 6 Jahren. Eine Studigruppe hatte mich zum Thema „Divestment“ angesprochen. Es ging also darum, die Investitionen der Uni, zum Beispiel aus Fonds [1] von klimaschädlichen Investitionen abzuziehen und stattdessen in klimafreundliche und menschenwürdige Geldtöpfe zu verschieben. Statt mit den Geldanlagen weiter den Turbokapitalismus anzukurbeln, sollen so sozial-ökologisch nachhaltige Projekte finanziert werden. Im Fall meiner Universität waren das 380 Millionen Dollar, die in fossile Energieträger – Kohle, Öl, und Gas – investiert waren. Die Uni hat sich durch den öffentlichen Druck inzwischen dazu verpflichtet, bis 2025 zu divesten.

Es gab schon einige erfolgreiche Divestment Kampagnen:

Im Rahmen der Anti-Apartheid Bewegung Ende der 80er machten Studierende enormen Druck auf Hochschulen und Bürger*innen auf Institutionen, um aus Konzernen, die in Südafrika Geschäfte machten, zu deinvestieren. Das trug dazu bei, Druck auf die Apartheid Regierung zu machen und letztendlich den Fall des Regimes einzuläuten.

Back to Germany: Laut Angaben von Greenpeace aus dem Jahr 2017 befeuert Deutschland jährlich mit 46 Milliarden Euro die Klimakrise durch Investitionen in Öl, Kohle und Gas. Bei der Grünen Jugend Baden-Württemberg sind wir deshalb mit der Landesregierung im Austausch, um alle Investitionen des Landes, aber auch alle Investitionen der landeseigenen Unternehmen und der Unternehmen, bei denen das Land größter Anteilseigner ist, aus klima- und menschenschädlichen Anlagen zu entfernen.

Klar – Finanzpolitik ist ein Riesenthema und dieser Artikel nur ein Pinselstrich vom Gesamtbild! Als Einzelperson kann es manchmal verwirrend sein und einem ist unklar, wo man anfangen sollte.

Deshalb hier ein paar Tipps zum Durchstarten:

  • Politisch aktiv werden, um Kommunen, Bundesländer und den Bund dazu aufzufordern, alle klimaschädlichen Investitionen zurückzuziehen und in klimapositive Fonds oder direkte Investitionen zu stecken. Viele Gruppen leisten dazu schon hervorragende Arbeit, wie die vom ehemaligen grünen Bundestagsabgeordneten Gerhard Schick gegründete „Bürgerbewegung Finanzwende“ und „Fossil Free Deutschland“: schaut mal rein!

  • Euer Bankkonto auf eine wirklich grüne Bank wechseln: es tut sich was beim Banking! Viele deutsche Banken investieren massenhaft in klimaschädliche Fossile. Darunter auch die Deutsche Bank, die 2017 rund 567 Millionen Euro in Kohle-Investments steckte. Einige Banken investieren konsequent sozial-ökologisch, darunter die GLS-Bank. Seit 2018 gibt es auch die Tomorrow Bank, die für ethisches und modernes Banking steht (übrigens hat der Co-Gründer Jakob Berndt auch Lemonaid gegründet) – die Kontoeröffnung geht richtig schnell!

  • Feministische Finanzen: das Thema konnte ich hier zwar nicht aufmachen, es hat aber genauso viel mit Nachhaltigkeit zu tun wie Divestment. Als Einstieg empfehle ich euch, mal den Podcast „The Feminist Finance“ anzuhören!


[1] Investmentfonds = eine Art Geldtopf, in dem das Vermögen von Anlegern durch eine*n Fondmanager*in verwaltet wird. Dazu werden Verträge abgeschlossen und Ziel ist es für die Anleger, den Wert des Vermögens mindestens zu bewahren, meistens aber das Vermögen zu steigern, um ihren Unterhalt zu finanzieren. Der Vorteil eines Fonds, im Vergleich zB zu einer Aktie, ist dass das Risiko gestreut wird, in dem Teile des Vermögens in verschiedene Unternehmen/Projekte investiert werden. In Nordamerika sind viele Unis privat oder staatlich-privat und müssen somit ihr Vermögen selbst in Fonds anlegen.

Titelbild: Sarah Heim

Möchtest du eine Antwort in Form einer Story schreiben?

Weitere Stories

Vor einigen Tagen konnte ich mich endlich wieder mit meiner alten Schulfreundin, Birgit, in einem kleinen Café draußen treffen, „Corona“ hat es erlaubt… Nachdem wir eine Zeit lang in unseren Erinnerungen geschwelgt hatten, bei denen klassischerweise auch einige Jugendlieben, ehemalige Lehrkräfte und na ja, auch so zwei bis drei Schulstreiche herhalten mussten, wurde meine Freundin plötzlich ganz nachdenklich, zog eine strenge Miene auf und sagte zu mir: „Alles schön und gut mit den alten Zeiten, doch stell‘ dir mal vor, was sich meine Mutter mit ihren fast 95 Jahren noch so leistet. Sie hat sich einen Hausfreund angelacht und nennt ihn liebevoll „Friederich“. „Friederich hier, Friederich da“. Ab 7.00 morgens erwartet sie ihn und dann wieder so gegen 19.00.  Ich nenne ihren „Friederich“ ganz unflätig „Happhapp“, denn er kommt nur zum Essen und ist auch noch sehr wählerisch, „leksch“ würde ich sagen. Noch schlimmer. Er hat eine Frau und offensichtlich gibt es auch Nachwuchs. Manchmal bringt er sie sogar mit und Mutter muss sich das alles angucken.“ Als Birgit meine erstaunte bis entsetzte Reaktion sah, fing sie an zu lachen und sagte: „Friedrich ist ein wunderschön gefärbter Erpel, der regelmäßig meine Mutter auf der Terrasse besucht und dann am liebsten geschälte Erdnüsse und das liebevoll von ihr gewürfelte Brot frisst.“ Dann lachten wir beide. Doch warum blickte Birgit erneut ernst drein? „Weißt Du, ich hab‘ das zwar alles als Witz erzählt, doch in Wirklichkeit finde ich das gar nicht so witzig. Ich meine nicht, dass es von Biologen und Umweltschützern nicht besonders „gerne gesehen wird“, wenn Enten mit Brot gefüttert werden, nein. Ich habe die Freude, vor allem Vorfreude meiner Mutter wahrgenommen, wenn sie mich regelmäßig anrief und begeistert erzählte, dass sie noch vor dem Frühstück auf die Terrasse ging, um „Friederich“ zu füttern und ihn dann auch sehnsüchtig am Abend wieder erwartete. Als er ihr in die Küche folgen wollte, versuchte sie, noch schnell die Terassentür zu schließen und traf dabei „Friedrichs“ Schwimmfuß. Er humpelte und Mutter war stundenlang ganz traurig und sehr besorgt um das Tier. Für mich war es eine Freude zu sehen, wie die „alte Dame“ mit diesem kleinen Entengeschenk  auflebte und die Lebensfreude nur so in ihren Augen blitzte. Schließlich kam auch mal heraus, dass sie gar nicht mehr so recht etwas mit ihrer Zeit anzufangen wisse, wenn die „Entensaison“ vorbei sei. Das gab mir zu denken. Doch die Freizeitgestaltung hat sich zum Glück schnell erledigt. Sie strickt nun wieder Socken für karitative Zwecke. So weit so gut.“ Birgit machte eine Redepause und wunderte sich wahrscheinlich, dass ich nicht gelangweilt aussah, sondern offensichtlich noch mehr erwartete. Da musste doch noch was kommen. Sie ließ die Katze aus dem Sack: „Was mir in diesem „Entensommer“ aufgegangen ist und ein flaues Gefühl im Magen verursacht? Mir kam der trübe Gedanke, was ist, wenn dieser „Entensommer“, für meine Mutter nicht nur ihr Highlight, sondern ihr letzter Sommer war und wir in diesem Jahr das letzte oder eines der letzten schönen gemeinsamen Jahre miteinander hatten?“ Darauf wusste ich erst nichts zu sagen, brachte dann aber heraus: „Dann hast Du das schöne Gefühl, das deine Mutter noch mal so richtig glücklich war.“ Birgit hat die Botschaft verstanden und lächelte.

Von Dr. Christiane Högermann · 14.07.2021
4