Komm, wir gehen raus

LM

von Lisa Marga
vom 22.10.2020
aktualisiert am 31.01.2021

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In einer Welt, in der alles immer schneller wird, alles technischer und moderner, wünschen sich viele Menschen zur Ruhe zu kommen, geerdet zu sein und zur Natur zurückzufinden.

Die Umweltbildung, Wald-Kindergärten und andere naturnahe Einrichtungen erleben einen richtigen Boom.

Das gesamtgesellschaftliche Interesse an nachhaltigen Themen wächst. Gleichzeitig erleben wir mit Corona eine Zeit, in der Menschen sich voreinander fürchten und sich voneinander entfremden. Freunde sieht man, wenn überhaupt, nur noch selten, unbeschwertes Ausgehen und ein normaler Alltag sind, so wie wir es gewohnt waren, nicht mehr möglich. Anfang Oktober 2020 wurden bereits die ersten großen Städte wieder zu Risikogebieten erklärt, weitere werden wohl folgen.

Was bleibt?

Wir können raus gehen, zurück in die Natur. Viele Menschen zog es bereits Anfang des Jahres während der ersten Corona-Welle raus. Joggen, Spazierengehen, irgendwas machen.

Als Naturschutzreferentin und Naturpädagogin fällt mir das besonders auf. Ich, Lisa Marga (30), arbeite für die NABU-Naturschutzstation Niederrhein in Kleve. Neben der reinen Naturschutzarbeit bin ich auch Mitverantwortliche für die Umweltbildung, die während des letzten halben Jahres nahezu komplett zum Erliegen kam. Als ich Anfang des Jahres meinen gewohnt einsamen Feldweg entlang joggte, war dieser auf einmal eigentümlich hoch frequentiert. Alle wollten auf einmal raus. Als die Restriktionen im Sommer wieder gelockert wurden, konnten wir uns vor Veranstaltungsanfragen kaum retten, die Nachfrage war enorm!

Eine Verbindung zur Natur schaffen

Unser Umweltbildungskonzept zielt vor allem auf Kinder im Grundschulalter ab – unser Ziel ist es jedoch auch, unsere Angebote für andere Altersgruppen zu öffnen. Momentan arbeiten wir an Kooperationen für Kindergartenkinder und Jugendliche. Vor allem in jungen Jahren ist es wichtig, eine positive Verbindung zwischen Kindern und der Natur herzustellen: „Nur was wir kennen und lieben, werden wir auch schützen“, ein vielverwendeter Spruch, aber einfach wahr.

Neben der Vermittlung von klassischem naturkundlichem Wissen, wollen wir den Kindern vor allem die Chance geben, ihre eigenen positiven Erfahrungen in der Natur zu sammeln. Dabei hat jedes Kind einen anderen Zugang zur Natur. Diesen Zugang zu finden, ist hier unsere Aufgabe. Und das wollen wir so vielen Kindern wie möglich ermöglichen – in unserem aktuellen Projekt „Neuinitialisierung der Umweltbildung“ haben wir uns deswegen zum Ziel gesetzt, vor allem Kindern diese Chance zu geben, die sonst nicht die Möglichkeit dazu bekommen, sich unbeschwert in der Natur zu bewegen. Dafür wurde unser Projekt sogar von der UN-Dekade Biologische Vielfalt 2020 im Sonderwettbewerb Soziale Natur – Natur für alle ausgezeichnet.  

Mein Wunsch und meine persönliche Motivation ist es, dass meine Liebe zur und meine Begeisterung für die Natur, die Kinder darin bestärkt aktiv zu handeln und sich für das einzusetzen, was ihnen selbst am meisten am Herzen liegt.

Lisa Marga von der NABU-Naturschutzstation Niederrhein in Kleve

Wenn ich mit den Kindern draußen unterwegs bin, gehe ich jedes Mal selbst wieder mit ihnen auf Erkundungstour. Jede Veranstaltung ist anders, genauso wie die Landschaft um uns herum und unsere eigene Lebenswelt stets im Wandel sind. Mich erfüllt die Verbindung zur Natur mit innerer Zufriedenheit, wenn ich die Blätter im Wind rauschen höre und die Sonnenstrahlen sanft in meinem Gesicht spüre.

Diese Konstante bleibt mir auch in diesen befremdlichen Zeiten und genau dieses positive Gefühl wünsche ich mir auch für kommende Generationen.

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Vor einigen Tagen konnte ich mich endlich wieder mit meiner alten Schulfreundin, Birgit, in einem kleinen Café draußen treffen, „Corona“ hat es erlaubt… Nachdem wir eine Zeit lang in unseren Erinnerungen geschwelgt hatten, bei denen klassischerweise auch einige Jugendlieben, ehemalige Lehrkräfte und na ja, auch so zwei bis drei Schulstreiche herhalten mussten, wurde meine Freundin plötzlich ganz nachdenklich, zog eine strenge Miene auf und sagte zu mir: „Alles schön und gut mit den alten Zeiten, doch stell‘ dir mal vor, was sich meine Mutter mit ihren fast 95 Jahren noch so leistet. Sie hat sich einen Hausfreund angelacht und nennt ihn liebevoll „Friederich“. „Friederich hier, Friederich da“. Ab 7.00 morgens erwartet sie ihn und dann wieder so gegen 19.00.  Ich nenne ihren „Friederich“ ganz unflätig „Happhapp“, denn er kommt nur zum Essen und ist auch noch sehr wählerisch, „leksch“ würde ich sagen. Noch schlimmer. Er hat eine Frau und offensichtlich gibt es auch Nachwuchs. Manchmal bringt er sie sogar mit und Mutter muss sich das alles angucken.“ Als Birgit meine erstaunte bis entsetzte Reaktion sah, fing sie an zu lachen und sagte: „Friedrich ist ein wunderschön gefärbter Erpel, der regelmäßig meine Mutter auf der Terrasse besucht und dann am liebsten geschälte Erdnüsse und das liebevoll von ihr gewürfelte Brot frisst.“ Dann lachten wir beide. Doch warum blickte Birgit erneut ernst drein? „Weißt Du, ich hab‘ das zwar alles als Witz erzählt, doch in Wirklichkeit finde ich das gar nicht so witzig. Ich meine nicht, dass es von Biologen und Umweltschützern nicht besonders „gerne gesehen wird“, wenn Enten mit Brot gefüttert werden, nein. Ich habe die Freude, vor allem Vorfreude meiner Mutter wahrgenommen, wenn sie mich regelmäßig anrief und begeistert erzählte, dass sie noch vor dem Frühstück auf die Terrasse ging, um „Friederich“ zu füttern und ihn dann auch sehnsüchtig am Abend wieder erwartete. Als er ihr in die Küche folgen wollte, versuchte sie, noch schnell die Terassentür zu schließen und traf dabei „Friedrichs“ Schwimmfuß. Er humpelte und Mutter war stundenlang ganz traurig und sehr besorgt um das Tier. Für mich war es eine Freude zu sehen, wie die „alte Dame“ mit diesem kleinen Entengeschenk  auflebte und die Lebensfreude nur so in ihren Augen blitzte. Schließlich kam auch mal heraus, dass sie gar nicht mehr so recht etwas mit ihrer Zeit anzufangen wisse, wenn die „Entensaison“ vorbei sei. Das gab mir zu denken. Doch die Freizeitgestaltung hat sich zum Glück schnell erledigt. Sie strickt nun wieder Socken für karitative Zwecke. So weit so gut.“ Birgit machte eine Redepause und wunderte sich wahrscheinlich, dass ich nicht gelangweilt aussah, sondern offensichtlich noch mehr erwartete. Da musste doch noch was kommen. Sie ließ die Katze aus dem Sack: „Was mir in diesem „Entensommer“ aufgegangen ist und ein flaues Gefühl im Magen verursacht? Mir kam der trübe Gedanke, was ist, wenn dieser „Entensommer“, für meine Mutter nicht nur ihr Highlight, sondern ihr letzter Sommer war und wir in diesem Jahr das letzte oder eines der letzten schönen gemeinsamen Jahre miteinander hatten?“ Darauf wusste ich erst nichts zu sagen, brachte dann aber heraus: „Dann hast Du das schöne Gefühl, das deine Mutter noch mal so richtig glücklich war.“ Birgit hat die Botschaft verstanden und lächelte.

Von Dr. Christiane Högermann · 14.07.2021
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