Skate for Future

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von chriss.be.like.green
vom 10.09.2020

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Das ätzende Geräusch des Weckers schubst sie etwas unsanft in den neuen Tag. Sie wird schlagartig wach und wie aus dem Nichts macht sich wieder diese Schwere breit. Ihre ToDo Liste schießt ihr schneller in den Kopf, als dass sie hätte sagen könnte, wie ihre Eltern heißen. Nicht, dass sie das jemals irgendwer in diesem Zustand gefragt hätte, aber der Vergleich macht deutlich, wie viel Hirnkapazität ihre tägliche Aufgaben in Anspruch nehmen, obwohl sie nicht mal die Waagerechte verlassen hat.

Da herrscht dieser Druck, dass heute etwas geschafft werden muss. Sie muss weiterkommen, sie will alles schaffen, was sie sich vorgenommen hat, weil sie sonst das schlechte Gewissen plagt. Schneller, besser, weiter.

Die letzten Tage hat das nicht geklappt. In ihrem Magen dreht es sich, Enttäuschung. Aus Enttäuschung wird Wut, aus Wut wird Angst, die Angst, die sie auch gestern schon so sehr beschäftigte, dass sie schon zum dritten Mal vertrödelte ihre beste Freundin anzurufen, wider vergaß, die längst überfälligen Rechnungen zu bezahlen und versäumte, den richtigen Ton anzuschlagen, als sie ihren Freund abends in der gemeinsamen Wohnung begrüßte.

Auf ihrer Facebook-Timeline türmen sich Videos von Menschen auf, die sich über „First World Problems“ aufregen.

“Was ein scheiß.”, denkt sie und lege das Smartphone weg. Laptop an, Konto-Check. Anfang des Monats und die Hälfe der Kohle schon wieder abgebucht. Ein Gefühl von Mangel macht sich breit. Warum, warum schafft sie es nicht, einmal einen vierstelligen Betrag auf ihrem Konto zu halten?

Enttäuschung, Wut, Angst. Sie fragt sich, was das für ein Hamsterrad ist, in dem sie förmlich gefangen ist. Wem muss sie hier überhaupt irgendetwas beweisen? Panik. „Ich will hier raus!“, schreit sie innerlich. Alles um sie herum läuft immer schneller, immer zielloser, immer steiler. „Wann ist Schluss damit? Gibt es hier einen Aus-Knopf?“

Am nächsten Morgen wacht sie auf. Sie fühlt sich nicht danach aufzustehen. Ihr Körper signalisiert ihr, es ist Zeit herunterzufahren. Krankmeldung, schlechtes Gewissen, Angst. Sie fühlt sich schwach, zu schwach, um dem da draußen standzuhalten. Sie kann einfach nicht jeden Tag schneller, besser, effizienter. Sie möchte sich ausprobieren, kreativ sein, keinen Druck. Sie möchte sich nicht ständig vergleichen und von der Angst geplagt sein, nicht gut genug zu sein. Das fühlt sich alles so unnatürlich an.

„Unendliches Wachstum, dauernd auf dem neusten Stand? Das kann doch gar nicht funktionieren. Warum machen wir bei diesem sinnlosen Spiel überhaupt mit?“, denkt sie. „Niemand würde sich in ein Flugzeug setzen, was unendlich weit Richtung Himmel fliegt. Wer hat sich überlegt auf diesem Prinzip, des permanenten Wachstums, ein Wirtschaftssystem aufzubauen? Ich kann doch nicht die einzige sein, die sich fühlt, als würde sie unüberlegt etwas hinterherrennen, dessen Sinn und Ziel sie nicht kennt?“ Es fühlt sich an, als würde sie an etwas Arbeiten, was nie fertig wird. Da ist keine Widerstand, alle laufen einfach mit. Gnadenlos nach oben, was sich für sie manchmal anfühlt wie endloses Fallen.

An manchen Tagen wünscht sie sich es wäre wie damals, als sie sich nach der Schule das Skateboard schnappte und Stunden lang im Pool des Skater-Parks ihre Runden fuhr. Es fühlte sich so leicht an - so mit dem Strom. Das Auf uns Ab unter ihren Rollen, was sich bis in ihren Körper hochzog, weil sie mit dem Verlauf des Untergrundes zu verschmelzen schien, sich anzupassen wusste. Ein Flow, den sie lange nicht mehr gespürt hatte. Es gab keine Richtung, alle rollten durcheinander und aneinander vorbei. Egal ob Skateboards, Inlineskater oder Roller. Und wenn jemand fiel, fuhr man nicht rücksichtslos darauf zu, man wich aus und half sich hoch. Man rechnete einfach immer damit, dass sich jemand hinpackte und manchmal wurde der größte Sturz sogar gefeiert. War halt normal. Keine Scham, kein Gewinnen. Es war wie ein Kreislauf, der einen Sinn ergab, schon aus dem Grund, weil er Freude bereitete.

Sie blickte mit den Armen unter ihrem Kopf verschränkt an die Decke, von der sich eine Spinne an einem Faden in ihre Richtung bewegte. Auf und Ab, dachte sie. Sommer und Winter, Vollmond und Neumond, Krankheit und Gesundheit. Es hat doch einen Sinn nicht andauernd zu funktionieren. „Ich kann nicht unendlich wachsen, aber ich kann gedeihen und durch das Auf und Ab im Leben meine persönliche Form finden. Friedlich, gemeinsam mit anderen und mit einem Gefühl des erfüllt Seins.“

Sie schnappte sich ihr altes Skateboard, ging aus der Tür und rollte los.

Unendliches Wachstum, dauernd auf dem neusten Stand? Das kann doch gar nicht funktionieren. Warum machen wir bei diesem sinnlosen Spiel überhaupt mit?

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