Ich bin Spermio.

Spermio - besser nicht auf dieser Welt !?

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von Dr. Christiane Högermann
vom 20.02.2021

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Diese Geschichte habe ich schon vor drei Jahren auf Anregung von Norbert Henze, bekannt als Osnabrücker „Aktionskünstler „Jonathan“, geschrieben und nun festgestellt, dass sie zeitlos ist und gerade unter unseren nahezu „auf den Kopf gestellten“ weltweiten von Corona geprägten Lebensbedingungen zu (leider) erneuter Aktualität bzw. sogar Brisanz erwacht.

„Hallo, ich bin Spermio, nunmehr nur noch ein Stäubchen im All, das dem irdischen Leben entkommen ist und dieses nun von oben betrachtet. Wieso ich nicht bei dir sein kann und dich nie persönlich kennenlernen werde, ist eine lange Geschichte, die ich nur dir anvertrauen werde, denn ich hoffe darauf, dass du es besser machst als all‘ die Menschen, die ich während meiner Entwicklung im Mutterleib beobachten konnte. Immerhin hatte ich 9 Monate lang Zeit, ihr irdisches Treiben mitzuerleben. Was ich dort gesehen habe und wie ich überhaupt an Informationen eurer Machenschaften kam, ist meine Geschichte, die mich als – nun allwissend – unsterblich macht…

Alles begann mit der Heirat einer sehr klugen Frau und einem sehr klugen Mann, meine biologischen Eltern eben. Schon nach wenigen Dates hatten sie entschieden „bis dass der Tod euch scheidet“, zusammenzubleiben. Ob sie mich allerdings wollten, steht in den Sternen. Vielleicht treffe ich hier nun welche, die es mir sagen können. Oder möchte ich es doch lieber gar nicht wissen? Jedenfalls war ich ein Produkt von 'Multitaskingeltern', die unter dem ‚Unerreichbarkeitssyndrom‘ litten und ständig online bzw. mit dem Handy beschäftigt waren. Wenn es nach ihnen gegangen wäre, wäre ich auch wohl so geworden. Doch ich habe wider alle Gesetze der Natur entschieden: ‚Nee, da spiele ich nicht mit, nicht auf dieser Welt.‘ Meine Eltern hatten außer ihrer täglichen Arbeit neben der Kommunikationssucht noch andere seltsame Dinge im Kopf, so zum Beispiel philosophische Gespräche zum (Un-)Sinn des Lebens, blindes Nachrennen irgendwelcher politischer Machenschaften, ohne über mögliche Folgen nachzudenken. Notfalls bedienten sie sich auch bewusstseinserweiternder ‚Helferlein‘. Meine Mutter kam gar nicht auf die Idee, dass sie mir damit schaden könnte, Hauptsache, sie war gut drauf. Außerdem war da immer die Suche nach Geldquellen, denn schließlich wollten Mausi und Schatzi, wie sie sich gegenseitig nannten, ja nicht auf den Luxus verzichten, den sich ihre Leute aus dem Bekanntenkreis leisten konnten. An mich und meine Zukunft dachte niemand, von mir redeten nur die stolzen Großeltern.

So bekam ich schon ganz früh die negativen Seiten des Daseins mit, ohne überhaupt dabei zu sein. Ich hatte reichlich Zeit, Informationen über das Leben auf der Erde aufzusaugen, denn, wie gesagt, meine Eltern waren informationstechnisch immer ‚up to date‘. Sie bekamen nahezu alle Informationen aus (Kriegs-)Politik, Wirtschaft, Sportgeschehen und Kultur, Gerüchte aller Art mit – einschließlich der dann von ihnen einfach nachgeplapperten Vorurteile – eben, was man so alles als Mensch von heute wissen muss. Schonungslos prasselten Nachrichten auf mich ein, von denen geplatzte Promi-Hochzeiten mit Abstand noch die harmlosesten waren. Sie gipfelten in den schlimmsten, menschenverachtenden Grausamkeiten weltweit, in Korruption, unfähigen egoistischen Politiken, der Tötung von Kindersoldaten und weiteren unaussprechlichen Gemeinheiten. Und zu so einem Menschen könnte ich mich auch entwickeln, in diese Welt sollte ich hineingeboren werden? Diese Vorstellung machte mir Angst. Vor allem ärgerte ich mich wahnsinnig, denn ich konnte nicht öffentlich protestieren und etwas dagegen tun, wie denn als schwimmender Embryo, der in der Gebärmutter eingesperrt war? Ich versuchte es oft und wälzte mich gegen die Gebärmutterwand strampelnd im Mutterleib. Alles, was meiner Mutter dazu einfiel, war das pflichtgemäße: ‚Fühl 'mal, es bewegt sich schon.‘ Sie kapierte gar nichts, wie denn auch, denn sie war ja vollständig verblendet vom Alltagsgeschehen. Natürlich kriegte sie auch nicht mit, dass ich schon in diesem Entwicklungsstadium alles miterlebte, denn bekanntlich besteht ja eine biologische Verbindung zwischen Mutter und Embryo. Obwohl sie eigentlich ganz klug war, schaffte sie es nicht, ihre Fähigkeiten zum Wohle ihrer Mitmenschen einzusetzen, sondern verhielt sich hoffnungslos egoistisch und redete immer nur den gerade in ihr Weltbild passenden Entscheidungsträgern nach dem Mund. Hauptsache, sie hatte einen Vorteil davon. Das nennt man wohl ‚sein Fähnchen nach dem Wind drehen‘. Eigentlich hasste ich sie schon, bevor ich überhaupt fettig war. Dabei war ich neun Monate lang fertig. Du, XXX, weißt schon, was ich meine…Ich hatte eine Riesenangst davor schlüpfen zu müssen und zählte besorgt die Tage, die ich noch hatte. Am liebsten hätte ich in einer festen Eischale gesteckt, die mich vor dem irdischen Dasein schützte. Nur Wunschdenken…Obwohl ich mich bei meiner Geburt heftig wehrte, es half nichts. Ich wurde ausgeworfen. Noch heute erinnerte ich mich an die rohen Kräfte, die dabei walteten Doch da erwachte eine gewaltige Auflehnung in mir, die mir ungeahnte Kräfte verlieh. Ich wehrte mich so heftig gegen den biologischen Trieb des mütterlichen Körpers, dass ich wieder zurückflutschte in die Gebärmutter, was dabei mit meiner Mutter geschah? Ich erinnere nur noch daran, dass sie von Weißkitteln umgeben und an viele Schläuche angeschlossen war. Jemand sagte: ‚Exitus, wir haben alles getan, was in unserer Macht stand.‘ Dass Macht bereits dort anfängt, wo das Leben noch gar nicht wirklich angefangen hat, war sogar für mich eine neue Erkenntnis. Hätten sie doch ihre Macht sinnvoller genutzt. Dieser beängstigende Gedanke an Machtgehabe war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und mich in meinem Entschluss bestärkte, dem irdischen Leben zu entsagen. Ich fing an zu kämpfen. Innerhalb kürzester Zeit wurde ich wieder zu dem, womit ich begonnen hatte; ein Embryo, der sich im Zeitraffer zurückentwickelte zu einer Eizelle und von einer Spermazelle erobert worden war. Aber damit nicht genug. Ich hatte es auch satt, auf immer und ewig mit dieser Eizelle verbunden zu sein und das Erbmaterial meiner Mutter zu konservieren. Die hatte ich mir schließlich nicht als Aufenthaltsort ausgesucht, geschweige ihre Gene. Sie hatte zusammen mit ihrem Geschlechtspartner über meine Ankunft auf dieser lebensfeindlichen Erde entschieden, ohne überhaupt zu fragen, was ich davon hielt. Also wand ich mich aus der Eizelle mühsam heraus und stellte alles auf Anfang. Ich wurde wieder zu Spermio, dem Spermium. Da ich auch nichts von dem Erbmaterial meines Vaters hielt, der im Prinzip nicht besser war als meine Mutter, kehrte ich endgültig zurück zu meinem Ursprung, heißt, ich wurde wieder zu einem Staubkorn im ewigen Weltall.

So, nun kennst du meine Geschichte und kannst du dir deine eigenen Gedanken dazu machen.

Copyright

Christiane Högermann nach einer Idee von Norbert Henze, Osnabrück, Februar 2017

(Quelle der Abb. https://www.kostenlose-ausmalbilder.de/bunte-deckblaetter/Biologie/Biologie-Deckblatt-Samenzelle.html, verändert)

Titelbild: Ich bin Spermio.

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Vor einigen Tagen konnte ich mich endlich wieder mit meiner alten Schulfreundin, Birgit, in einem kleinen Café draußen treffen, „Corona“ hat es erlaubt… Nachdem wir eine Zeit lang in unseren Erinnerungen geschwelgt hatten, bei denen klassischerweise auch einige Jugendlieben, ehemalige Lehrkräfte und na ja, auch so zwei bis drei Schulstreiche herhalten mussten, wurde meine Freundin plötzlich ganz nachdenklich, zog eine strenge Miene auf und sagte zu mir: „Alles schön und gut mit den alten Zeiten, doch stell‘ dir mal vor, was sich meine Mutter mit ihren fast 95 Jahren noch so leistet. Sie hat sich einen Hausfreund angelacht und nennt ihn liebevoll „Friederich“. „Friederich hier, Friederich da“. Ab 7.00 morgens erwartet sie ihn und dann wieder so gegen 19.00.  Ich nenne ihren „Friederich“ ganz unflätig „Happhapp“, denn er kommt nur zum Essen und ist auch noch sehr wählerisch, „leksch“ würde ich sagen. Noch schlimmer. Er hat eine Frau und offensichtlich gibt es auch Nachwuchs. Manchmal bringt er sie sogar mit und Mutter muss sich das alles angucken.“ Als Birgit meine erstaunte bis entsetzte Reaktion sah, fing sie an zu lachen und sagte: „Friedrich ist ein wunderschön gefärbter Erpel, der regelmäßig meine Mutter auf der Terrasse besucht und dann am liebsten geschälte Erdnüsse und das liebevoll von ihr gewürfelte Brot frisst.“ Dann lachten wir beide. Doch warum blickte Birgit erneut ernst drein? „Weißt Du, ich hab‘ das zwar alles als Witz erzählt, doch in Wirklichkeit finde ich das gar nicht so witzig. Ich meine nicht, dass es von Biologen und Umweltschützern nicht besonders „gerne gesehen wird“, wenn Enten mit Brot gefüttert werden, nein. Ich habe die Freude, vor allem Vorfreude meiner Mutter wahrgenommen, wenn sie mich regelmäßig anrief und begeistert erzählte, dass sie noch vor dem Frühstück auf die Terrasse ging, um „Friederich“ zu füttern und ihn dann auch sehnsüchtig am Abend wieder erwartete. Als er ihr in die Küche folgen wollte, versuchte sie, noch schnell die Terassentür zu schließen und traf dabei „Friedrichs“ Schwimmfuß. Er humpelte und Mutter war stundenlang ganz traurig und sehr besorgt um das Tier. Für mich war es eine Freude zu sehen, wie die „alte Dame“ mit diesem kleinen Entengeschenk  auflebte und die Lebensfreude nur so in ihren Augen blitzte. Schließlich kam auch mal heraus, dass sie gar nicht mehr so recht etwas mit ihrer Zeit anzufangen wisse, wenn die „Entensaison“ vorbei sei. Das gab mir zu denken. Doch die Freizeitgestaltung hat sich zum Glück schnell erledigt. Sie strickt nun wieder Socken für karitative Zwecke. So weit so gut.“ Birgit machte eine Redepause und wunderte sich wahrscheinlich, dass ich nicht gelangweilt aussah, sondern offensichtlich noch mehr erwartete. Da musste doch noch was kommen. Sie ließ die Katze aus dem Sack: „Was mir in diesem „Entensommer“ aufgegangen ist und ein flaues Gefühl im Magen verursacht? Mir kam der trübe Gedanke, was ist, wenn dieser „Entensommer“, für meine Mutter nicht nur ihr Highlight, sondern ihr letzter Sommer war und wir in diesem Jahr das letzte oder eines der letzten schönen gemeinsamen Jahre miteinander hatten?“ Darauf wusste ich erst nichts zu sagen, brachte dann aber heraus: „Dann hast Du das schöne Gefühl, das deine Mutter noch mal so richtig glücklich war.“ Birgit hat die Botschaft verstanden und lächelte.

Von Dr. Christiane Högermann · 14.07.2021
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