eine typische Wartesituation

Warten, immer nur warten - der "rote Faden" des Lebens?

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von Dr. Christiane Högermann
vom 19.02.2021

„Warten auf Godot“, der Literaturklassiker von Samuel Beckett. Fällt euch das auch sofort ein, wenn ihr etwas von „Warten“ hört?

Bei mir war es jedenfalls so, als die Corona-Krise einfach nicht aufhören wollte, zunehmend mehr Menschen deshalb in finanzielle Schwierigkeiten geraten und sich auch bei mir langsam aber sicher Frust-Langeweile einschleicht.

Ich hatte mir so viel vorgenomemn, wollte mit meiner „Lebensmittelkontaktbörse“ www.lebensmittelwertschaetzer.de voll durchstarten und nun das…Zumindest habe ich die Möglichkeit, durch kleine Lebensmittelrettungsaktionen der (Kinder-)Tafel Osnabrück und dem Kinderhilfswerk Arche zuzuarbeiten.

Das macht demütig. Was ist da schon warten?

Bei Wikipedia wird übrigens die Quintessenz des o. g. Literaturklassikers folgendermaßen formuliert: „Alle Figuren verkörpern das menschliche Bedürfnis, trotz unbestimmter und letztlich unerfüllter Illusionen auf die Ankunft eines Heil bringenden Propheten oder sonstigen Erlösers zu hoffen.“ Dieses inhaltsschwere Zitat lässt schon erahnen, wie facettenreich Warten sein kann, es vor allem aber positive und negative Blickwinkel ermöglicht. Sicherlich haben wir in unserer schnelllebigen Zeit das Warten verlernt, meistens gehetzt und schon wieder mit einer neuen Aufgabe befasst, obwohl noch an einer anderen gearbeitet wird, neudeutsch auch „multitasking“ genannt.

Genau betrachtet durchzieht Warten doch unser ganzes Leben, von der Geburt bis zum Tod.

Es beginnt eigentlich schon vor der Geburt, wenn wir als noch unfertiges Menschlein im Mutterleib heranwachsen und unsere Eltern mit Hoffen und Bangen unserer Ankunft verheißungsvoll entgegensehen: Warten auf Kevin, Lea oder wie auch immer später mal die Namensgebung sein wird.

Doch was, wenn dieses Warten noch eine unheilvolle Vorgeschichte hat, nämlich ängstliches Bangen wegen des Ergebnisses einer Vorsorgeuntersuchung zum Beispiel. Vielleicht stand ja sogar eine Erbkrankheit im Raume, dessen Überprüfung eine qualvolle Woche in Anspruch nahm und viel Kraft und letztendlich Lebenszeit raubte. Zum Glück gab es keine negative Nachricht. Wir könnten die ganze Welt umarmen, fühlen uns wieder wie Frischverliebte mit den berühmten Schmetterlingen im Bauch, werden plötzlich von einem ungeahnten Gefühl der Dankbarkeit erfasst und schenken sogar dem Obdachlosen auf der Straße einen Fünfeuroschein, ihm, der manchmal einen ganzen Tag lang warten muss, bis er genug Geld für eine warme Mahlzeit beisammen hat. 

Eine ähnliche Reaktion gibt es, wenn wir, wie z. B. im Krankenhaus ständig präsent, auf eine Diagnose warten müssen, diese sich dann aber doch zum Guten wendet. Dann ist manchmal das fleißige Pflegepersonal „Opfer“ von „Süßigkeits-verschenk-Orgien“, so jedenfalls meine Selbsterfahrung zu diesem leidigen Thema.

Auf jeden Fall hat Warten immer etwas mit Geduld zu tun, eine Tugend, die jeder von uns anders oder gar nicht mehr besitzt. Wie schön war es doch als Kind, erwartungsvoll einem Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk entgegenzusehen, gar nicht bewusst der möglichen Enttäuschung, die damit einhergehen könnte. Erst wenn dann mahnende Worte der Mutter kamen wie „Sei aber nicht enttäuscht, wenn Du die Puppenstube nicht bekommst“, waren wir wieder auf dem Boden der Tatsachen. Die Geduld hing am seidenen Faden, der jederzeit zu reißen drohte, bis das Fest endlich da war. Vermutlich hat eher ein gerissener als ein heil gebliebener Faden unsere Lebenserfahrung geprägt.

Dass Warten ganz viel mit Wünschen zu tun hat, habe ich ja schon eingangs mit dem Zitat zu Godot angesprochen. Dabei sind es eben nicht nur die eher in kindlichen Köpfen verbreiteten materiellen Dinge, sondern abstraktere Wartewünsche, z. B. das Warten auf die Rückkehr eines geliebten Menschen oder auf die Wiedererlangung körperlicher Kraft und Stärke nach einer Krankheit.

Aber es gibt auch Bereiche, wo wir auf Ereignisse warten, die auf den ersten Blick subjektiv betrachtet nicht positiv erscheinen. Man stelle sich vor, ein unheilbar Kranker wünscht sich nichts sehnlicher als den Tod und dieser will einfach nicht kommen. Was nun aber, wenn sich auch Angehörige, die begriffen haben, dass Loslassen können manchmal unabwendbar ist, damit abfinden müssen oder sogar selbst heimlich diesen Wunsch habe, da sie das Leiden des geliebten Menschen nicht mehr ertragen können? Darf man denn überhaupt zugeben, dass man auf ein gnädiges Ende, sei es für sich selbst oder für einen Mitmenschen wartet, eine Entscheidung, die jeder selbst im Abgleich mit seinem Gewissen – hoffentlich niemals – treffen muss. Wie banal mutet es dagegen an, in der Warteschlange an der Kasse zu stehen und sich über den Zeitverlust zu ärgern, schon nervös am Einkaufszettel herumkauend. Wir haben verlernt, manche Formen von warten zu relativieren und erkennen häufig erst in wirklich ernsten Wartesituationen, wie egoistisch und kleinlich wir manchmal denken.

An dieser Stelle schließt sich nun die Warteschleife des Lebens und es wäre sicherlich nicht verkehrt, beim nächsten Mal in einer langen Warteschlange oder einem Autobahnstau darüber nachzudenken, ob sich die gedankliche Quälerei wirklich lohnt und nicht Warten auch etwas Schönes sein kann, nämlich die nahezu verlernte Möglichkeit, uns einmal nur mit uns selbst zu beschäftigen und voller Vorfreude darauf zu warten, wenn nach überstandenem Zeiträuber wieder das normale Leben eintritt und wir in den –  seien wir doch mal ehrlich –  insgeheim vermissten Alltagstrott zurückfallen können. Gerade diesen wünschen wir uns doch nun schon seit vielen Monaten.

Doch bitte eines nicht vergessen:

letztendlich ist doch das Glück das höchste Gut. Ich sage nicht wie üblich „die Gesundheit“, denn Gesundheit ist doch eine der Säulen von Glück. Daran werde ich bei der nächsten Frustattacke doch mal wieder vor Augen führen. Dann fällt alles Warten ein bißchen leichter…

Christiane Högermann

Titelbild: eine typische Wartesituation

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