Zeiten- und Zinswende – wie müssen Privatanleger:innen reagieren?

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von Susanne, Investments For Future
vom 6.03.2022
aktualisiert am 7.03.2022

Derzeit lähmt uns der Krieg und die derzeitigen Zustände in der Ukraine und man weiß überhaupt nicht, wie man die derzeitige Lage adäquat beschreiben soll.

Russische Streitkräfte greifen Städte und Zivilisten an und bringen Atomkraftwerke in der Ukraine unter ihre Kontrolle. Weltweite Demonstrationen mit Hunderttausenden Teilnehmern zeigen den Protest gegen den Krieg und gleichzeitig die weltweite Anteilnahme.

Bundeskanzler Olaf Scholz spricht nach der russischen Invasion in die Ukraine von einer „Zeitenwende“, auch für Deutschland. Er kündigt in seiner Regierungserklärung gravierende Änderungen an – von der Verteidigungs- bis hin zur Energiepolitik. Um die Abhängigkeit von Russland zu beenden, kündigte Scholz die Umsteuerung in der Energieversorgung und die Abkehr von der Importabhängigkeit des russischen Gases an und so werde Deutschland zwei neue Terminals für Flüssiggas errichten. Außerdem wurde die Genehmigung der Ergaspipeline Nord Stream 2 gestoppt, sodass diese vorerst nicht in Betrieb gehen wird.

Die Anpassung der Energiepolitik an die Außenpolitik ist für unsere Generation neu, aber unausweichlich aufgrund der derzeitigen Entwicklungen. Deutschland muss sich unabhängiger in der Energieversorgung machen und da sind die weitere Förderung von Erneuerbaren Energien der richtige Weg. 

Wenn man sich das alles so anhört, könnte man fast den Kopf in den Sand stecken. Tatsächlich ist es gerade meiner Meinung nach wichtig, ruhig und strategisch zu agieren und den Markt gut zu beobachten. 

Susanne Leidescher

Wenn wir das auf die Strategie für unser Portfolio übertragen, zeigt sich deshalb mal wieder, dass nachhaltige Geldanlage in Erneuerbare Energien der langfristig profitablere Weg ist und wir - abgesehen davon, dass es sehr verwerflich wäre - die Geldanlage in Atomenergie oder Rüstung nur kurzfristige Erfolge bringt. Denn die Antwort auf die Frage „Sollte ich überhaupt gerade investieren muss lauten – ja, aber nur nachhaltig.“ Denn Waffengeschäfte, die dann eventuell Russland stützen möchte ich persönlich nicht finanzieren. Und dies kann schnell mal passieren, wenn wir unser Geld in einen MSCI World legen.

Die nächste Frage, die man sich stellen muss ist:

Welche Auswirkungen hat der Krieg in der Ukraine konkret auf den Finanzmarkt? Was ist in den letzten Wochen passiert? 

Zum einen hat Europa den Ausschluss von sieben russischen Banken aus dem SWIFT-System beschlossen. Das bedeutet, dass internationale Transaktionen für diese Banken erheblich erschwert werden und dadurch auch ein internationales Agieren massiv eingeschränkt wurde, denn SWIFT (wortwörtlich: Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication) ist das internationale Kommunikationssystem für Banken und Finanzinstitutionen. 

Zudem übt die internationale Staatengemeinschaft Druck auf Russland aus, indem Sanktionen verhängt und die Handlungsfreiheiten der russischen Zentralbank eingeschränkt wurde. Das führt dazu, dass die Kaufkraft und der Wert des Rubels sinkt, sodass die Bevölkerung in Russland die Teuerung der Lebensmittel stark zu spüren bekommt. 

Neben weiteren Sanktionen gegen die Fluggesellschaften des Landes, haben internationale Unternehmen, wie Visa und Mastercard Maßnahmen in Russland umgesetzt. So werden die in Russland ausgestellte Kredikarten nicht mehr im Ausland funktionieren. Zahlreiche andere Unternehmen, wie der Chip-Hersteller Intel, der Wohnungsvermittler Airbnb und französische Luxusmarken wie Hermès und Chanel haben ihre Geschäfte in Russland gestoppt. Apple hat in Russland ebenfalls seinen Verkauf eingestellt und die staatsnahen Medien RT News und Sputnik aus dem App Store verbannt.

Das passiert in Russland – aber welche Auswirkungen hat der Krieg in der Ukraine für den deutschen Markt und welche Entwicklungen zeigen sich auf den internationalen Finanzmärkten, die auch uns Privatpersonen betreffen?

Erste Folgen sind bereits sichtbar und sie werden sich höchstwahrscheinlich noch verstärken: In der deutschen Autoindustrie gibt es bereits Produktionsstopps und das bisher prognostizierte deutsche Exportwachstum von sechs Prozent wurde aufgrund von Lieferengpässen heruntergesetzt. Obwohl die deutsche Wirtschaft die westlichen Sanktionen gegen Russland unterstützt, hängen laut Deutscher Industrie- und Handelskammer rund 250 000 Stellen bei Unternehmen in Deutschland von Exporten nach Russland ab. Außerdem steigt der Ölpreis kontinuierlich und es gibt höhere Ticketpreise von Flügen.

Auch an der Börse kommt der Krieg nun an:

Der DAX steht zwischenzeitlich immer mal wieder im Minus und bricht um mehrere Hundert Punkte ein. Expert:innen erwarten erst einmal keine Erholung und vermelden eine Stagflation, also eine Wachstumsschwäche bei gleichzeitig hoher Inflation. 

Jetzt, im März 2022, ist der Dax von seinem Jahreshoch inzwischen 19 Prozent entfernt. Ab 20 Prozent spricht man von einem Bärenmarkt. Allerdings sehen Expert:innen auch die Möglichkeit, dass die Kurse schnell wieder steigen können, da die Volatilität derzeit recht hoch ist.

Damit kommen wir auch zum zweiten derzeit nicht sehr ermutigenden Stichwort derzeit: der Zinswende.

Durch Hilfspakete und durch das Geld der Notenbanken wurde bereits versucht, die Krise schnell zu überwinden. Allerdings ist die Inflation mit derzeit 5% so hoch wie seit 1990 nicht mehr und Russlands Krieg treibt die Spirale weiter nach oben. Die amerikanische Zentralbank, die Fed, hat Ende 2021 angekündigt, dass sie im Jahr 2022 drei Zinserhöhungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte plant, um der steigenden Inflation zu begegnen. Auch für 2023 und für 2024 hat die Fed Zinserhöhungen angedeutet, aufgrund von sinkenden Wachstumsprognosen und steigender Inflationserwartung.

Derzeit möchte die Europäische Zentralbank, die EZB, die Zinsen noch nicht anheben, allerdings wird es wohl über die Zeit der hohen Inflation unvermeidbar bleiben. Noch liegt das Ende der Negativzinsen aber nach wie vor in weiter Ferne, da sich die Zinspolitik der Banken und Sparkassen mit etwas Verspätung stark an der Europäischen Zentralbank orientiert und diese noch zurückhaltend reagiert. Expert:innen sehen eine Leitzinserhöhung der EZB erst für Ende 2023/Anfang 2024 und damit hier erst den Beginn der Negativzinsen.

Was würde eine Zinswende für Privatpersonen bedeuten?

Steigen die Zinsen, dann wirkt sich das positiv für unsere Spareinlagen aus und aber negativ für Hypothekenkredite und für Anleger:innen an der Börse. Wer also plant ein Haus zu kaufen, sollte mit den Plänen nicht allzu lange warten, da die Darlehenszinsen der Banken nicht mehr lange so günstig bleiben. 

Aber auch bei Spareinlagen wird es wahrscheinlich erst einmal keine Verbesserung der Zinsen bei Tages- und Festgeld geben, da die Banken weiterhin Strafzinsen für Einlagen bei der EZB zahlen müssen. Expert:innen gehen davon aus, dass es noch etwa zwei Jahre dauern wird, bis wieder nennenswerte Zinsen auf Tages- oder Festgeld gezahlt werden.

An der Börse entsteht wie gesagt derzeit ein Bärenmarkt, d.h. die Kurse sinken bei steigenden Zinsen und auch schon durch die Kommunikation von steigenden Zinsen. Dadurch schrumpfen unsere Renditen an der Börse. Allerdings haben sich die Kurse zum größten Teil so gut entwickelt, dass sich kurzfristige Rückschläge noch kompensieren lassen. 

Wenn man auf lange Zeit und diversifiziert in unterschiedliche Zukunftsthemen investiert, z.B. für die Altersvorsorge, dann darf man sich von der Krise nicht verunsichern lassen. Trotzdem muss man sich natürlich Alternativen überlegen. 

Welche Möglichkeiten der Geldanlage bleiben also noch übrig?

Manche Expert:innen raten, einen kleinen Teil des Ersparten in Gold anzulegen, da es vor geopolitischen Krisen und langfristig auch vor Inflation schützen würde. Allerdings ist die Geldanlage in Gold aufgrund der Abbaubedingungen nicht wirklich sozial nachhaltig.

Eine Alternative sind Staats- und Unternehmensanleihen. Das zeigte sich, als Mitte Januar 2022 die Rendite der Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit seit Mai 2019 erstmals wieder in den positiven Bereich drehte. Expert:innen rechnen hier mit Kupons von 3 bis 5 Prozent bei mittleren Laufzeiten ab Mitte dieses Jahrzehnts. Wenn euch das Thema Anleihen verstärkt interessiert, dann hört doch einmal in die Investments For Future-Folge zum Thema Anleihen rein. 

Manche Anleger:innen versprechen sich von Kryptoinvestments auch ein neues Instrument gegen die Geldentwertung, aufgrund der Idee der Knappheit hinter den Kryptos. Dadurch, dass die Anzahl der Bitcoins im Umlauf auf 21 Millionen begrenzt ist, steigert dies den Wert, während der Wert des Geldes durch die hohe Inflation abnimmt. Allerdings sind Kryptoinvestments mit viel Vorsicht zu betrachten und gelten aufgrund ihrer Berechnungsart als nicht besonders nachhaltig. Informiert euch also gut, falls Kryptoinvestments für euch in Frage kommen, da die Kurse sich hier sehr volatil verhalten.

Und wie steht es mit Immobilien?

Langfristige Immobilienkredite werden wohl um 0,5 Prozentpunkte steigen, sodass man mit einem schnellen Einstieg noch zu alten Konditionen Kredite bekommen könnte. Allerdings macht der Preisboom an deutschen Immobilienmärkten die Finanzaufseher zunehmend nervös. Sie befürchten, dass am Ende eine spekulative Übertreibung, also eine Blase, entstehen könne. Die Bafin hat deshalb angekündigt, die Anforderungen an Banken wie bei der Vergabe von Hypothekenkrediten zu verschärfen. Deswegen sollen die Institute in Zukunft zusätzliche Rücklagen bilden, um die gestiegenen Risiken im Finanzsystem einzukalkulieren. 

Für uns als Privatanleger:innen ist also auch hier Vorsicht geboten und man sollte mit Risiken rechnen. Allerdings hat der Markt in der Vergangenheit auch gezeigt, dass mit steigenden Zinsen die Immobilienpreise wieder fallen. Jedoch entsteht diese Entwicklung erst mit etwas zeitlichem Verzug und wohl erst bei einer deutlichen Steigerung der Zinsen.

Wenn man sich das alles so anhört, könnte man fast den Kopf in den Sand stecken. Tatsächlich ist es gerade meiner Meinung nach wichtig, ruhig und strategisch zu agieren und den Markt gut zu beobachten. 

Expert:innen raten dazu die Geldanlage breit und über verschiedene Kategorien und Anlageklassen zu streuen. Diversifikation über lange Zeiträume könnte hierbei der Vermögensretter sein. Und gerade in der nachhaltigen Geldanlage haben wir auch noch weitere Anlageklassen zu den gerade genannten, wie Crowd, Wald- und Mikroinvestments, die wir als Ergänzung für die Risikostreuung nutzen können. Hierzu sollten wir uns in den nächsten Monaten den Zyklus der verschiedenen Märkte zunutze machen und immer im Hinterkopf behalten, dass wir zukunftsfähig und nachhaltig investieren wollen.

Falls ihr euch für die Ukraine engagieren wollt, sind Geldspenden oder die Spende von Menstruationsprodukten, Babynahrung und Kinderkleidung oder die Registrierung von eurer Wohnung oder eurem Haus als Unterkunft hilfreich. Hier gibt es schon viele Initiativen, z.B. von der GLS Bank, für verschiedene Zielgruppen. Weitere Aktionen teile ich auch immer auf dem Instagram-Account von Investments For Future.

Hoffen wir, dass dieser Krieg ein baldiges Ende findet. 

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Kommentare (2)

M

Manuel

Vor 32 Tagen

Hallo liebe Susanne, bist du denn der Meinung, dass man überhaupt reagieren muss? So schlimm der Krieg ist, in einem etwas längeren Zeitrahmen gedacht, geht auch der vorüber und die Finanzmärkte stabilisieren sich wieder. Wäre es Mehr anzeigen

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GO

Greta Ohly

Vor 108 Tagen

Hei, habe mich extra hier angemeldet um zu sagen, dass mir dein Artikel sehr gut gefallen hat. Danke!! Ich investiere noch nicht lange und finde es toll, dass auch dieses wichtige Thema so nahbar besprochen wird.
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